Samstag , 19. September 2020
Diese Waschbären entdeckte Landwirt Hans Röhr auf einem Baum in seinem Garten. Foto: Hans Röhr

Waschbär wird zur Plage

Barförde/Lüneburg. Landwirt Hans Röhr staunte nicht schlecht, als er vor kurzem gleich eine Waschbär-Großfamilie auf seinem Hof in Barförde an der Elbe erblickte. Sechs Kinder und ihre Eltern machten sich am Maisberg für die Rindviecher zu schaffen, pickten sich die Körner raus. Auf frischer Tat ertappt, ergriffen sie die Flucht: Vier suchten das Weite, der Rest kletterte auf die Esche am Haus. Wie die Waschbären den Baum erklommen, hat Hans Röhr nachhaltig beeindruckt. „Der Baum ragt weit über das Haus hinaus, mit einem Affenzahn sind die oben in die Spitzen gerast und kauerten dann dort in einer Astgabel.“

Jede Nacht bekommt seine Familie Besuch von den possierlichen Allesfressern, ihrem Versteck ist er jedoch noch nicht auf die Schliche gekommen. „Ich vermute, dass sie es sich im Stall im Stroh gemütlich machen, da haben sie ihre Ruhe, keiner kommt, durch die Katzenklappen kommen sie rein.“

Tiere gehen an Vogelnester

Der Schaden, den die Tiere bei ihn bislang auf dem Hof angerichtet haben ist überschaubar, doch er weiß von anderen in der Umgebung, die mehr unter dem größten Vertreter der Familie der Kleinbären zu leiden hatten. „Ein Marder im Haus stiftet Unruhe, ein Waschbär im Haus ist eine Katastrophe. Die sind kräftig, haben spitze Krallen, heben sogar Dachpfannen hoch. Ich kenne Leute, denen wurde das ganze Dach auseinander genommen.“

Niedlich seien die Tiere ja anzuschauen, dennoch macht Röhr sich Sorgen. „In einem Waldstück bei uns um die Ecke gibt es 15 bis 20 Reiherhorste. Die Tiere haben genistet, gelegt, dann war aber plötzlich Feierabend, kein Nachwuchs.“ Röhr wunderte sich, fand aber schließlich die Erklärung: Etliche ausgeleckte Reihereier unter den Bäumen. „Die haben sich an den Nestern zu schaffen gemacht, ich weiß ja, wie die Burschen klettern können. Wie viele von denen sind denn noch unterwegs, wie soll das enden?“

Kreisjägermeister Hans-Christoph Cohrs teilt seine Bedenken. „Es werden immer mehr hier bei uns“, ist er sich sicher. Das belegt auch die Jagdstrecke: Während die Waidmänner im Jagdjahr 2008/2009 landesweit 4093 Waschbären erlegten, waren es im Jagdjahr 2018/2019 bereits 15.017. Auch im Landkreis Lüneburg stiegen die Zahlen von 518 auf 733.

Sogenannte Neozoen

Schon vor Jahren seien ganze Brutkolonien im Biosphärenreservat von den Säugern heimgesucht worden, so dass Jungvögel fehlten. Die Jungwaschbären dürfen ganzjährig bejagt werden, Elterntiere müssen in der Brutzeit vom 1. April bis zum 15. Juli geschont werden.

Dass die Tiere bejagt werden müssen, macht Cohrs deutlich: „Die Waschbären haben bei uns keine Not, keine natürlichen Feinde. Dann auch noch die milden Winter, die kommen immer durch und breiten sich immer weiter aus.“ Waschbären sind sogenannte Neozoen, das sind Arten, die sich mit menschlicher Einflussnahme in einem Gebiet etabliert haben, in dem sie zuvor nicht einheimisch waren. Ursprünglich kommen sie aus Nordamerika und wurden einst zur Pelzzucht nach Deutschland gebracht und erstmals im Jahr 1934 in Hessen ausgewildert. In Kassel, der „Hauptstadt der Waschbären“ kommen sie inzwischen im ganzen Stadtgebiet vor. „Da werden die Häuser schon waschbärsicher gebaut. So weit sollte es bei uns nicht kommen“, sagt der Kreisjägermeister. Dass die Tiere Mülltonnen umschmeißen und randalieren sei das eine. Besonders geht es dem Jäger jedoch um den Artenschutz. „Wenn wir unsere Bodenbrüter behalten wollen, dann muss was passieren. Diesen invasiven Arten ist schwer beizukommen.“ Vor allem an der Elbe entlang sei das Vorkommen sehr hoch.

Wer einen Waschbären im Garten hat, genießt das Hausrecht, erklärt Cohrs, bejagt werden dürfen die Tiere nämlich eigentlich nur von Jägern. „Das kuriose ist, dass Bürger Lebendfallen in ihrem Garten aufstellen, die Tiere aber nicht umbringen, sondern nur verbringen dürfen.“ Mit dem Aussetzen des Tieres werde das Problem aber nur verlagert. „Das Beste ist es, einen Jäger zu fragen, der hilft, das Problem zu lösen.“

Von Lea Schulze

Tipps des Nabu

Schutz vor Waschbären

Der Naturschutzbund (Nabu) Niedersachsen hat einige Tipps zusammengestellt, wie Hauseigentümer ihre vier Wände vor Waschbären schützen können:

  • Schneiden Sie Bäume und Sträucher, die an oder über das Dach reichen, zurück.
  • Bringen Sie glatte Blechmanschetten (1 m hoch, 1 m breit) über den Fallrohren der Regenrinne an.
  • Lassen Sie ein starkes Metallgitter auf dem Schornstein anbringen.
  • Verschließen Sie mögliche Einstiege mit soliden Baumaterialien.
  • Verschließen Sie nachts die Katzenklappe.

Folgende Maßnahmen können verhindern, dass der Waschbär zum Dauergast wird:

  • Bewahren Sie Mülltonnen und Abfälle unzugänglich auf oder sichern Sie Behältnisse mit starken Spanngummis. Stellen Sie die Mülltonnen nach Möglichkeit mindestens einen halben Meter von Zäunen, Mauern und Zweigen entfernt auf.
  • Gelbe Säcke sollten erst am Tag der Abholung morgens vor die Tür gestellt oder in verschließbaren Boxen aufbewahrt werden.
  • Werfen Sie Fleisch, Fisch, Milchprodukte, Brot und Obst nicht auf den Kompost, Garten- und Gemüsereste sind hingegen unproblematisch.
  • Hinterlassen Sie keine Nahrungsreste in öffentlichen Papierkörben.
  • Futter für Haustiere nicht über Nacht im Garten oder auf der Terrasse belassen.