Montag , 28. September 2020
Bei schweren Unfällen, wie hier bei Adendorf, ist Christoph 19 vor Ort. Foto: be

Helfer für Tausende Menschen

Uelzen/Lüneburg. Fast täglich landet er auf dem Dach des Lüneburger Klinikums: Der Uelzener Rettungshubschrauber Christoph 19 ist fester Bestandteil des hiesig n Rettungsdienstkonzeptes. In knapp 19 Jahren haben die Besatzungen des „gelben Engels“ so ziemlich alles erlebt. Und so passt es ins Bild, dass ausgerechnet der 40.000ste Einsatz auch eine skurrile Note hatte: Bei diesem Jubiläumsflug mussten Pilot Nils Böther, Notarzt Jürgen Probst und Notfallsanitäter Jens Kruse in Vockfey im Amt Neuhaus landen. Am Elbdeich war eine Person von einer Kuh verletzt worden.

Am Standort Uelzen sind insgesamt 22 Teammitglieder in wechselndem Einsatz: drei Piloten der ADAC Luftrettung, 14 Notärzte des Helios Klinikums Uelzen der Fachrichtungen Anästhesie und Chirurgie sowie fünf Notfallsanitäter des DRK. Geflogen wird mit einer Maschine des Typs EC 135 von frühestens 7 Uhr bis Sonnenuntergang. Mehr als 90 Prozent der Einsätze wurden im ersten Halbjahr im Bundesland Niedersachsen geflogen, rund fünf Prozent in Sachsen-Anhalt, die übrigen verteilen sich auf Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein.

Auch in Eschede war das Team im Einsatz

Einsatzgrund Nummer eins waren im vergangenen Jahr mit 29 Prozent Notfälle des Herz-Kreislauf-Systems wie Herzinfarkte und Herzrhythmusstörungen. Mit 24 Prozent folgen Verletzungen nach Unfällen. Dazu gehören Freizeit-, Sport-, Schul- und Verkehrsunfälle. In 15 Prozent der Fälle diagnostizierten die Lebensretter aus der Luft neurologische Notfälle wie zum Beispiel einen Schlaganfall. Bei sieben Prozent war ein Notfall des Atmungssystems wie akute Atemnot oder Asthma die Ursache. Doch es gab auch Einsätze, die an die Belastbarkeitsgrenze gingen und die die Crews nie vergessen werden.

So war Christoph 19 eines der ersten Rettungsmittel, die am 3. Juni 1998 an einer Eisenbahnbrücke in Eschede eintrafen. „ICE-Unfall“ war die knappe Meldung, die damals am Hangar in Uelzen einging. Beim IntercityExpress „Wilhelm Conrad Röntgen“ war ein Radreifen gebrochen, 101 Menschen starben. Aus der Luft sah die dreiköpfige Besatzung den Schnellzug, bei dem die Wagen wie eine Ziehharmonika zusammengeschoben waren. „Überall lagen Leichen, riefen Menschen um Hilfe“, schilderten die Retter damals dem Autor dieser Zeilen. Von den 88 Schwerverletzten wurden auch viele ins Lüneburger Klinikum gebracht.

Das schwärzeste Kapitel in der Geschichte der Uelzener Luftretter wurde am 20. Januar 2003 geschrieben. Ein 35-jähriger Pilot flog aus Imponiergehabe unter der Kanalbrücke im Bienenbütteler Ortsteil Hohnstorf unter einer Brücke des Elbe-Seitenkanals hindurch. Der Heckrotor riss ab, der Hubschrauber versank im eisigen Wasser. Während der Pilot und der Rettungssanitäter sich ans Ufer retten konnten, ertrank der Notarzt hinten in der Kabine. Knapp drei Jahre später verurteilt das Amtsgericht Uelzen den Piloten zu einem Jahr und sieben Monaten Haft auf Bewährung sowie 5000 Euro Wiedergutmachung an die Witwe des verstorbenen Arztes.

70 Kilometer in nur 20 Minuten

Die offizielle Indienststellung von „Christoph 19“ war am 21. September 1981. Die ADAC Luftrettung übernahm den Betrieb am 7. April 1983. Stationiert sind die fliegenden Gelben Engel am Helios Klinikum Uelzen. Stationsleiter ist Nils Böther, Leitender Hubschrauberarzt Theo Fricke. Neben „Christoph 30“ in Wolfenbüttel und „Christoph 26“ in Sande gehört „Christoph 19“ zu den drei in Niedersachsen stationierten ADAC Rettungshubschraubern. Aufgabenträger ist das Niedersächsische Ministerium für Inneres und Sport.

„Christoph 19“ wird als öffentlich-rechtlicher Hubschrauber von der Integrierten Leitstelle Uelzen disponiert. Die großen Vorteile des Hubschraubers sind seine Einsatzgeschwindigkeit von rund 230 km/h und seine Unabhängigkeit von schwierigen Straßen- oder Verkehrslagen. So kann er 70 Kilometer Entfernung in nur 20 Minuten zurücklegen.

Daher kann gerade zu entlegenen Zielen wie Vockfey im Amt Neuhaus der Notarzt schnell gebracht werden. Den von einer Kuh verletzten Patienten musste Christoph 19 dann nicht mitnehmen, er wurde von einem Rettungswagen ins Lüneburger Klinikum gebracht. Somit standen Notarzt und Rettungshubschrauber für einen nächsten dringenden Notfalleinsatz schnell zur Verfügung.

Von Thomas Mitzlaff

ADAC betreibt 60 Rettungshubschrauber

Alarmierung über die 112

Mit mehr als 50 Rettungshubschraubern und 37 Stationen ist die gemeinnützige ADAC Luftrettung eine der größten Luftrettungsorganisationen Europas. Die Rettungshubschrauber gehören zum deutschen Rettungsdienstsystem und werden immer über die Notrufnummer 112 bei der Leitstelle angefordert und sind im Notfall für jeden Verunglückten oder Erkrankten zur Stelle. Gerade gerade bei schweren Verletzungen oder Erkrankungen gilt: Je schneller der Patient in eine Klinik transportiert oder vor Ort vom Notarzt versorgt wird, desto besser sind seine Überlebenschancen bzw. seine Rekonvaleszenz. Seit 2017 ist die ADAC Luftrettung ein Tochterunternehmen der ADAC Stiftung.