Freitag , 2. Oktober 2020
Prof. Peter Pez. Foto: t&w

Per Einbahnstraße in die Zukunft

Lüneburg. Ist der Verkehrskollaps bei weiter wachsender Bevölkerung in Lüneburg und Umgebung unvermeidlich? Stadt und Kreis wollen das verhindern und haben Mobilitätskonzepte ersonnen, die vor allem Autofahrer zum Umsteigen ermutigen sollen. Zum Teil richtige Ansätze, findet Leuphana-Verkehrsexperte Prof. Dr. Peter Pez, doch ihm dauert das alles viel zu lange. Und er hat griffige Lösungen parat, die schon jetzt zu deutlichen Entlastungen auf Lüneburgs Straßen führen könnten.

„Ich denke unter anderem an Einbahnstraßenführungen“, antwortet Pez, der den Finger immer wieder mal in die Lüneburger Verkehrswunde legt. Nun hat er den Stadtring Lüneburgs in den Blick genommen, den er am liebsten nur noch in eine Richtung fahren lassen möchte. „Ein starker Eingriff“, über den aber durchaus mal nachgedacht werden könnte, wie Pez findet.

Mit dieser Einbahnstraßenlösung würden Fahrspuren frei, die der Verkehrsplaner wohlwollend „Umweltspuren“ nennt, da sie nicht nur Rettungsfahrzeugen und Polizei, sondern auch Radfahrern und Linienbussen zur Verfügung stünden. Dass dies den Verkehrsfluss hemmen würde, glaubt er nicht, eher im Gegenteil. Schließlich würde ein Teil der Ampelphasen überflüssig oder letztere könnten deutlich kürzer ausfallen. Der erhoffte Effekt: Durch die Umwege, die Autofahrer in Kauf nehmen müssten, würden viele auf Fahrrad und ÖPNV umsteigen.

Zunehmendes Rowdytum unter Radfahrern

Die Pez‘schen Umweltspuren würden aus Sicht des Verkehrsexperten aber auch ein anderes Problem abschwächen: das zunehmende Rowdytum unter Radfahrern und gegenüber Fußgängern. „Schlimmer geht‘s nimmer!“, findet zwar auch Pez, doch er hat auch dafür eine Lösung parat: „Für mehr und schnelleren Radverkehr kann daher die Devise nur lauten: Zurück auf die Straßenfahrbahn.“

Die Folge wären daher nicht mehr, sondern weniger Bordsteinradwege, schlussfolgert Pez. Und da, wo die Radler weiterhin von der Straße getrennt geführt werden sollen, müssten die Wege deutlich breiter sein als bislang. „Wir brauchen letztendlich eine Flächenumverteilungspolitik.“

Zurück zu den Autos. Die sollen auf dem Stadtring nicht nur im Einbahnstraßenkreis fahren, Einbahnstraßen schweben Pez auch an anderen Stellen vor. „Im Blick habe ich dabei Parallelführungen von Hauptverkehrsstraßen im innerstädtischen Bereich, zum Beispiel Uelzener Straße stadtauswärts/Soltauer Straße stadteinwärts und Oedemer Weg stadteinwärts/Auf der Höhe stadtauswärts – jeweils vom Stadtring bis zur nächsten Querverbindung, also die Linie Munstermannskamp, Heidkamp, Ringstraße.“

Auch beim Brückennadelöhr Lünertorstraße/Bleckeder Landstraße bis zum Pulverweg hält Pez eine Einbahnstraßenführung für geeignet, diese sei im Zuge einer Baustellensituation „ja quasi schon erfolgreich praktiziert“. Der Effekt: Die Hälfte des Raums könnte zumeist für eine Umweltspur gewonnen werden. Auch würde Autoverkehr wieder „umwegiger“, aber jedes Ziel bliebe erreichbar. „Trotzdem werden sich viele fragen, ob sie nicht auf sehr direktem Wege per Fahrrad nicht viel besser ihr Ziel erreichen, als mit dem Auto im Wortsinne herumzukurven.“

Pez weiß um die nachteiligen Konsequenzen

Die Einbahnstraßen-Lösung würde aus Sicht des Verkehrsexperten letztlich sogar den Forderungen nach einer Westumfahrung Lüneburgs den Boden entziehen. Sein Argument: Verkehrsentlastung durch Straßenbau funktioniert nicht, da entstehende Freiräume sogleich durch Fahrzeuge besetzt werden, sobald innerstädtisches Autofahren wieder ein bisschen problemfreier wird. Und: Die Ostumfahrung habe trotz ihrer wichtigen Aufgabe zur Ableitung des Durchgangsverkehrs Lüneburgs gravierende Verkehrsprobleme zu Beginn der 90er-Jahre und heute nicht erspart. Und diese Probleme seien hausgemacht. Pez: „Wer Baugebiete sät, darf sich nicht wundern, wenn er Verkehr erntet.“

Pez übt aber nicht nur Kritik, er lobt auch die Pläne des Kreises zur Reaktivierung der Bahnstrecken nach Bleckede oder Amelinghausen. „Wenn die Potenziale für Binnenverdichtung zur Neige gehen, ist eine Außenentwicklung auf ÖPNV-Achsen das Mittel der Wahl“, lautet sein Credo auf Experten-Deutsch. Mit anderen Worten: Das wohl unvermeidliche Wachstum einer Region am Rande einer Metropole sollte dann wenigstens entlang funktionierender Bahnstrecken stattfinden.

Um die nachteiligen Konsequenzen dieses Wachstums weiß Pez aber auch: „Es ist nun mal so, dass die wachstumsorientierte Baupolitik für Wohnen und Gewerbe in Lüneburg und seinen Vororten dazu geführt hat, dass Frei- und Grünflächen nicht nur ökologisch und stadtklimatisch, sondern auch für die Naherholung der Bewohner zunehmend rar werden.“

Von Ulf Stüwe