Sonntag , 25. Oktober 2020
Staatssekretär Stefan Muhle (rechts) ist angetan von Alfons Auftritt. „Die Landwirtschaft ist meine digitalste Branche, das ist seit jeher so. Ganz egal, wo wir hingucken“, erklärte er. „Auf dem Acker geht alles.“ Foto: phs

Kann Alfons bald auch spritzen?

Oldendorf II. Seit Alfons vor wenigen Wochen seinen ersten Auftritt in der Zeitung hatte, klingelt das Telefon von Reiner Bohnhorst am laufenden Band. Pressevertreter, Verbandsvorsitzende, Landwirte: Alle wollen sie mehr über seinen Feldroboter erfahren, der selbstständig Rüben sät und Unkraut hackt – zumindest an störungsfreien Tagen. Jetzt hat sich auch die große Politik auf den Weg in den Landkreis Uelzen gemacht, um das zukunftsweisende Projekt der Oldendorfer Biohöfe GbR um Reiner Bohnhorst zu begutachten.

Lokalpolitiker, Bundestagsabgeordnete und der Staatssekretär im Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung, Stefan Muhle (CDU), bestaunten Feldroboter Alfons, der mit frisch geputzten Klingen in der Sonne glitzerte – ohne Frage: ein Promi in der Landwirtschaft, unter Fachleuten auch bekannt als Farmdroid.

Unterstützung kommt aus Geesthacht

Während der dänische Hersteller offenbar noch mit den Kinderkrankheiten der GPS-gesteuerten Maschine kämpft, hat Hans-Christian Andresen von der norddeutschen Vertriebsfirma „Solar-Energie Andresen“ schon in absehbarer Zeit neue Pläne für seinen Lieblingsroboter – und zwar mit Unterstützung aus Geesthacht: Dort hatte er auf dem Weg nach Oldendorf II bei einer Spezialfirma für Sprühsysteme zur Unkrautbekämpfung eine Spritze erworben, die er zu Hause in Schleswig-Holstein an den Roboter schrauben will. Zu Anschauungszwecken hatte er das Teil für die christdemokratisch geprägte Runde schon einmal an die Maschine gebastelt. Was bei Bio-Landwirt und Hausherr Reiner Bohnhorst für Stirnrunzeln sorgt, ist für Andresen ein wichtiger Meilenstein für den Einstieg ins konventionelle Gewerbe. „Spritzmittel werden teurer und viele auch vom Markt genommen. Da habe ich mir gedacht: Es muss doch etwas geben, womit wir erst einmal die Menge reduzieren können.“

Andresen setzt dafür auf eine spezielle Sprühtechnik direkt über dem Ackerboden. Mit der könne der Pflanzenschutzmittelverbrauch um 90 Prozent gesenkt werden, prognostiziert der Vertriebschef sichtlich stolz auf seine jüngste Errungenschaft. Dann bittet ihn Bohnhorst aber doch, seinen „konventionellen Krempel“ wieder abzubauen. Bohnhorst hatte sich Alfons vor rund vier Monaten auf den Hof geholt, um die Arbeitsstunden im Bio-Zuckerrübenanbau zu reduzieren. Um dem Unkraut Herr zu werden, musste er im vergangenen Jahr viermal bis zu 18 Feldarbeiter bei einem landwirtschaftlichen Dienstleister buchen, mehr als 250 Arbeitsstunden pro Hektar fielen für den Kampf gegen Distel und Melde an. Gerade als Bohnhorst und seine Kollegen darüber nachdachten, die Zuckerrüben wieder aus dem Programm zu nehmen, trafen sie bei einer Fachmesse auf Alfons.

Ein Prototyp aus Schrottteilen

Und der scheint noch lange nicht an seine Grenzen gestoßen zu sein: Eddie Pedersen etwa könnte sich vorstellen, dass die Maschine eines Tages auch über Lasertechnik verfügt, mit der das Wachstum des Unkrauts gestört werden kann. Hierzu habe es bereits Anfragen von verschiedenen Initiativen gegeben, erzählt der Vertriebs-leiter aus Dänemark. Dort feierte der solarbetriebene Farmdroid 2012 seine Geburtsstunde: ein Prototyp aus Schrottteilen, zusammengebastelt in einer Garage.

Heute, zwei Jahre nach der Marktzulassung, sind rund 50 Roboter in Europa im Einsatz, davon 22 in Deutschland. Pedersen glaubt, dass der Farmdroid in einigen Jahren neben Zuckerrüben auch andere Feldfrüchte sät und pflegt. Im Zwiebelanbau habe es bereits erste Erfolge gegeben. Er sieht langfristig niemanden mehr mit der Unkrauthacke über den Acker laufen. Fragt sich nur, wie sich das auf den Arbeitsmarkt auswirkt: Positiv, meint Bohnhorst. „Die Maschine verdrängt keine qualifizierten Arbeitsplätze, sie schafft eher welche.“ Und der Landwirt denkt weiter in die Zukunft: „Wenn wir irgendwann vielleicht mal über 20 Prozent Ökolandbau kommen, gibt es vermutlich ein großes Problem, die entsprechende Zahl an Kräften für Gemüse und sehr aufwendige Kulturen zu kriegen. Da kommt man an so etwas nicht vorbei.“

Das glaubt auch Andresen. Er will im nächsten Jahr mindestens 40 weitere Roboter im norddeutschen Raum verkaufen – ob mit oder ohne Spritze. Staatssekretär Stefan Muhle jedenfalls ist begeistert von Alfons Auftritt. „Die Landwirtschaft ist meine digitalste Branche, das ist seit jeher so. Ganz egal, wo wir hingucken“, erklärte er. „Auf dem Acker geht alles.“

Von Anna Petersen

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