Freitag , 23. Oktober 2020
Vor allem die Eltern der Grudnschulkinder sehnen nach den Ferien einen normalen Unterricht herbei: keine Masken, keine Notbetreuung mehr. Foto: phs

„Corona wirkt wie ein Brennglas“

Lüneburg. Krisen wird nachgesagt, das Beste und Schlechtes in Menschen hervorzubringen. Vielleicht gelingt der Coronakrise dies auch bei der Institution Grundschule. So erreichte die LZ Lob für die Schule zum Roten Felde und Kritik für zwei Grundschulen in Stadt und Landkreis.

So geißelt der Vater eines Zweitklässlers einer Grundschule im Kreis deren Seuchenmodus als „inakzeptabel: lieblos, unkreativ und nur das Allernötigste“. Seinen Namen will er nicht sagen, weil er befürchtet, dass der Filius die Kritik des Vaters ausbaden müsste.

Die Handreichung für die Eltern habe lediglich darin bestanden, dass die Kinder im Homeschooling „Lücken aufarbeiten sollten. Direkt vor den Osterferien war das noch nachzuvollziehen, aber nicht mehr danach.“

Fünf Euro am Tag

Zwar hätte die Schule anfänglich problemlos Notbetreuungszeiten organisiert, doch als die Viertklässler zurückkehrten, wurde diese zeitlich begrenzt. „Wer nach 13 Uhr Notbetreuung brauchte, kriegte sie nur gegen Bezahlung. Fünf Euro am Tag. Das kann sich für Alleinerziehende mit kleinem Einkommen schon massiv summieren.“

Statt die Kinder wie an anderen Grundschulen zumindest die Hälfte der Zeit im Klassenraum zu unterrichten, wären die ersten und zweiten Klassen in der Schule seines Sohnes nur an einem Tag in der Woche unterrichtet worden.

„In den Wochen des Shutdowns hat sich kein Lehrer telefonisch bei unserem Kind gemeldet. Danach war die Klassenlehrerin freitags von 17 bis 18 Uhr erreichbar. Nun gibt es zwei einstündige Sprechstunden.“

Insgesamt hätte sich der Vater mehr Kreativität gewünscht, „um mehr Schüler länger unterrichten zu können – etwa digitales Lernen, versetzte Pausen- und Anfangszeiten oder auch Unterricht in der Mensa oder der Sporthalle.“

Jederzeit über Telefon oder Mail erreichbar

Katja Heitmann dagegen ist wunschlos glücklich mit der Grundschule zum Roten Felde, auf die ihre beiden Töchter gehen. „Gerade in einer solchen Situation zeigt sich doch die Qualität einer Schule. Die Lehrer sowohl in der ersten als auch in der vierten Klasse waren alle sehr engagiert und jederzeit über Telefon oder Mail erreichbar.“

Die Klassenlehrerin ihrer Jüngsten brachte ihren Schützlingen über Erklärvideos neue Buchstaben näher, die Ältere lernte über Padlets die richtige Aussprache englischer Vokabeln. Der persönliche Kontakt wurde auch im Shutdown über Besuche am Gartenzaun und Videoschalten gehalten. Für die Eltern wurde ein virtueller Elternabend abgehalten. Besonders freut die Mutter, dass ihre Mädchen auch Aufgaben erhalten haben, die die Kreativität förderten – die Ältere schrieb eine Geschichte, die Jüngere bastelte.

Die Übermittlung des geplanten Lehrstoffes für das Homeschooling als Wochenplan „erleichterte uns Eltern die Vermittlung. So konnte man Punkt für Punkt abhaken.“ Auch in der Krise hätten sich die Kinder „gut behütet“ gefühlt und sie als Mutter ist überzeugt: „Der Lernstoff wurde durchgezogen, es blieben keine Lücken.“

Kreative Lösungen

Dagegen blickt die Mutter zweier Schülerinnen einer anderen Lüneburger Grundschule neidisch auf die Rote-Feld-Schule. „Die Corona-Krise hat wie ein Brennglas funktioniert: Dort, wo schon vor dem Shutdown gute pädagogische Arbeit geleistet wurde, kam man auf kreative Lösungen. Da, wo die Eltern schon vorher abgewiegelt wurden, standen sie nun vollends im Regen.“

Da sie selbst Lehrerin an einer Grundschule im Kreis ist, ärgert es sie, „wie wenig an der Schule meiner Töchter gemacht wurde, obwohl wir als Schulen noch nie so eng und gut vom Kultusministerium begleitet wurden wie in der Coronazeit.“ So sei der ministerielle Erlass, die Schüler wöchentlich anzurufen und über ein Feedback zu motivieren, bei ihren Töchtern schlichtweg ignoriert worden.

„Sprachlos und wütend“ mache sie, dass die Erstklässler „ohne nähere Begründung“ nur für einen Tag wöchentlich zurückgerufen wurden oder dass Abschlussfeiern komplett abgesagt wurden. „An meiner Schule machen wir das auf einer Wiese in einem großen Kreis.“

Auch an dieser Schule gebe es engagierte Lehrkräfte, die bei den Kindern zuhause vorbeifuhren und spannende Aufgaben stellten. Doch das mildert ihr Gesamturteil nicht: „Meine Tochter weiß, dass sie an einer schlechten Schule ist.“

Von Joachim Zießler

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