Donnerstag , 29. Oktober 2020
34 Jahre lang hat Hannelore Reimer dafür gesorgt, dass alle Mäntel und Taschen nach den Vorführungen im Theater Lüneburg wieder zurück zu ihren Besitzern finden. Foto: t&w

Die Frau von der Garderobe

Lüneburg. „Das ist meine Garderobe.“ Hannelore Reimer seufzt, als sie mit ihren schwarzen Lackschuhen den roten Teppich betritt, der ihr so vertraut ist. Dann vorsichtig mit der Hand über den Tresen streicht, an dem sie 34 Jahre lang Tausende fremde Mäntel und Taschen entgegengenommen hat. Eigentlich ist das gar nicht ihre Garderobe, sondern die des Lüneburger Theaters. Die Bühne, auf der die 80-Jährige bis Anfang März zwei- bis viermal pro Woche ihren Auftritt hatte – ohne Maske, ohne Kostüm, ohne Text. Dafür immer mit überzeugender Leidenschaft.

„Meine Kinder und mein Mann sind Schuld!“ Das will die Seniorin gleich vorweg klarstellen. Schuld daran, dass sie nun seit dem Frühjahr nicht mehr Teil des Abendprogramms ist, sie den Schlüssel für den Hintereingang abgeben musste und sang- und klanglos von der Bühne verschwand. Es gab keine Verneigung, keinen Applaus. Nur einen Anruf bei der Verwaltung: „Ich höre auf.“ Das war‘s. Das sei ja auch eigentlich gar nicht so ihr Ding, dieser Rummel um ihre Person. Die Nebenrolle reichte. Eine gute Nebenrolle kann eine ganze Vorstellung retten.

Die kurzen Wortwechsel am Garderobentresen

Bis zu ihrem 80. Geburtstag war an Aufhören nicht zu denken. Ein sonniger Maitag, Luftballons im Garten, Kuchen auf dem Tisch – eigentlich alles in bester Ordnung. „Da haben sie gesagt, ich hätte genug gearbeitet.“ Hannelore Reimer runzelt die Stirn und stemmt die Arme in die Hüften. Damit sei sie überhaupt nicht einverstanden gewesen. „Wieso auch? Es geht mir doch noch gut.“ Und die „Abo-Leute“, die würden sie sicherlich vermissen, sie und diese kurzen Wortwechsel am Garderobentresen: Wie geht’s den Kindern? Was macht die Gesundheit? Grüßen Sie ihren Mann. Dieses Vorprogramm gehörte schließlich zum gewohnten Standard. „Aber die Kinder haben so lange auf mich eingeredet, bis ich den Hörer in die Hand genommen habe und…“ Sie hält kurz inne, winkt ab. Schmerzhafte Szenen bedürften keiner Zugabe.

Rollenwechsel zwischen Mechtersen und Lüneburg

Viel lieber erzählt Hannelore Reimer davon, wie sie immer schon vor der Vorstellung sicherheitshalber die Sanitäranlagen prüfte, denn Ordnung muss sein. Wie sie meist als erste das Licht anknipste und als letzte die Tür abschloss, denn gutes Management ist unbezahlbar.

Im März, ein Tag bevor der Theaterbetrieb coronabedingt zum Erliegen kam, verteilte Hannelore Reimer ein letztes Mal Mäntel und Taschen an ihre Gäste, drückte sie ein letztes Mal den Lichtschalter und marschierte, wie immer, vorbei an Maske und Garderobe in Richtung Ausgang. „Die Pförtnerin sagte noch: Ich glaube, das war‘s!“ Das war‘s tatsächlich – für Hannelore Reimer für immer. Auch, wenn sie das damals noch nicht für möglich hielt.

„Kleider machen Leute“, sagt man. Das sagt auch Hannelore Reimer. Tagsüber – in Jeans und T-Shirt – bekochte sie Mann und sechs Kinder, rupfte sie Unkraut aus den Fugen und erntete Gemüse im Garten. In Jeans und T-Shirt war Hannelore Reimer Hausfrau. Abends aber trug sie Rouge und Lippenstift auf, schlüpfte in Lackschuhe und Blazer und ließ sich von ihrem Ehemann zum Theater chauffieren. Ein immer wiederkehrender Rollenwechsel zwischen Mechtersen und Lüneburg.

Jetzt muss wieder das Unkraut dran glauben

Angefangen hat das alles vor 34 Jahren. Damals waren die Kinder bereits alt genug, um allein ins Bett zu gehen und Hannelore Reimer bereit für eine neue Aufgabe: Putzen, Gärtnern – wäre alles infrage gekommen. Da hörte sie von einer freien Stelle im Theater Lüneburg. Ein Job mit Menschen, das habe ihr gefallen, sagt die Seniorin. Dass allerdings mehr als drei Jahrzehnte daraus werden würden… das stand nicht im Drehbuch, das war das Leben.

Am liebsten waren ihr Premieren, Frauen und Männer im feinen Zwirn. Oft hat Hannelore Reimer auch während der Vorstellung am Rand gesessen und geschaut, was auf der großen Bühne dargeboten wird – mehrere Hundert Vorstellungen hat sie gesehen, aber nicht eine bis zum Schluss.

Jetzt muss wieder das Unkraut dran glauben. Im Garten gibt es viel zu tun. Vielleicht, sagt Hannelore Reimer, werde sie auch mal ins Theater fahren und mit den Damen hinter dem Garderobentresen quatschen. Wie geht’s den Kindern? Was macht die Gesundheit? Grüßen Sie ihren Mann. So richtig angefreundet hat sich Hannelore Reimer noch nicht mit ihrer Gastrolle. Aber sie ist sich sicher: Auch dieses Stück hat ein Happy End.

Von Anna Petersen