Keine Feste, kaum Einnahmen: Gastwirt Heinz-Dieter Kruse leidet wie viele andere Kollegen seiner Branche unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie. Foto: t&w

Bittere Zeiten für Landgasthöfe

Lüneburg. Eigentlich wollte Heinz-Dieter Kruse in den letzten fünf Wochen 850 Menschen glücklich machen. Deshalb ist er schließlich Gastwirt geworden – wie zuvor schon seine Eltern und Großeltern.

Bereits seit 1902 wird im Gasthaus Kruse in Oerzen fast jedes Wochenende gefeiert, doch in diesem Jahr ist alles anders: Die Corona-Pandemie hat dem Gasthaus die Lebensgrundlage geraubt: Keine Feste, kaum Einnahmen. Heinz-Dieter Kruse bangt um seine Existenz.

Glaubt man dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) Niedersachsen, ist der 65-Jährige damit nicht allein: „80 Prozent der Betriebe, die vom Veranstaltungsgeschäft leben, stehen vor dem Aus“, schätzt Hauptgeschäftsführer Rainer Balke. „Diese Landgasthöfe haben extreme Probleme.“ Auch nach dem kompletten Stillstand des Festbetriebs sei die Gastwirtschaft auf dem Land noch weit entfernt davon, wieder schwarze Zahlen zu schreiben.

Regelung wurde bis Ende August verlängert

Viele Häuser würden nur für Feste gebucht. Doch wegen der Corona-Krise dürfen in gastronomischen Betrieben derzeit höchstens 50 Personen feiern. Die entsprechende Regelung hat das Land Niedersachsen bis Ende August verlängert. Balke hat dafür kein Verständnis: Sein Verband fordert eine Lockerung der Vorgabe auf 100 oder sogar 150 Personen.

In den Saal von Heinz-Dieter Kruse passen bis zu 180 Menschen. Der war sein Kapital. „Aber jetzt verdiene ich eigentlich fast gar nichts mehr“, erklärt er. „Da bleibt nur das, was in der Kneipe über den Tresen geht: Bier und Korn, das ist nicht viel.“

Viele Kunden seien unsicher oder wollten ihre Gästeliste – etwa für die geplante Hochzeit – nicht von 150 auf 50 zusammenkürzen. So schrumpften die Einnahmen des Gastwirts nach eigenen Angaben seit März um 90 Prozent. Um trotzdem die laufenden Kosten decken zu können, müsse er nun an sein Erspartes gehen. „Ich bin 65 Jahre alt, da geht einiges von der Rente weg.“ Er seufzt. „Aber ich werde nicht aufgeben. Dann muss ich wohl zwei oder drei Jahre nur arbeiten, um das wieder aufzuholen. Arbeiten umsonst sozusagen.“

Ein Tropen auf den heißen Stein

Ein düsteres Bild von der Situation zeichnet auch Jürgen Brümmer vom Hotel und Restaurant Zur alten Wassermühle in Bienenbüttel. Nach wie vor seien acht seiner 13 Angestellten in Kurzarbeit, noch immer sei der Saal an den Wochenenden häufig leer. „Ab und an haben wir mal einen Geburtstag, der nachgefeiert wird. Aber die meisten sagen inzwischen: Egal, wir holen das nächstes Jahr nach.“ Brümmer hat auch Corona-Hilfen beansprucht, „aber das ist ein Tropen auf den heißen Stein.“ Damit werde das Leid seiner Branche oft nur künstlich verlängert. „Manch einem wird das das Genick brechen.“

Die leeren Auftragsbücher kompensiert der Betrieb in Bienenbüttel mit dem À-la-carte-Geschäft. Nebenher vermietet Brümmer Zimmer an Touristen, doch auch das laufe schleppend an, sagt der Inhaber. „Für die Heideblütenzeit sind wir normalerweise jetzt schon voll. Aber die Buchungen sind sehr verhalten. Die Leute planen aktuell noch nicht, was sie in ein paar Wochen machen.“

Hart getroffen hat das Coronavirus auch den Rehlinger Hof und den Landgasthof Heidetal in Betzendorf. Nach aufwendiger Renovierung wurden die beiden Gastronomie-Betriebe erst Anfang März wiedereröffnet. „Wenige Tage später zwang uns Corona zum Stopp“, bedauert Betreiber Michael Jahnke. Drei Monate keine Einnahmen, alle Buchungen für das laufende Jahr storniert. Jahnke sieht das Problem in einer mangelnden Informationspolitik. Viele Kunden wüssten gar nicht, dass Feiern im kleinen Rahmen wieder erlaubt sind. „Trotzdem blicken wir optimistisch in die Zukunft“, betont er. Warum? Weil die Dorfgemeinschaft seinen beiden Häusern treu bleibe. „Das macht Hoffnung.“

Auch der Dehoga-Chef ist in Sorge

Die Landesregierung hat einen Rettungsschirm über 120 Millionen Euro für den Tourismus angekündigt. „Aber man muss davon ausgehen, dass nicht die gesamte Summe in die Hotellerie und Gastronomie fließen wird“, erklärt Niedersachsens Dehoga-Chef Balke. Auch sei noch immer unklar, wann und unter welchen Voraussetzungen die Hilfen ausgezahlt werden.

Er bangt um die Zukunft der Traditionsbetriebe in Niedersachsen: „Gibt einer auf, heißt das ganz klar, dass ein Teil der Kultur stirbt.“

Von Anna Petersen