Mittwoch , 21. Oktober 2020
Nähe trotz Besuchsverbot: Gleich nach dem Lockdown ermöglichten die kreativen Pflegexperten des Albert-Schweitzer.-Familienwerk e.V. sichere Besuchsmöglichkeiten. Obwohl der Kontakt durch die Plexiglasscheibe sehr merkwürdig anmutet, war das die einzige Möglichkeit, um den so wertvollen Kontakt zwischen Bewohnern und Angehörigen zu erhalten. Bewohnerin Rosa Weichelt und die Altenpflegerin Monika Kowalski stellen die Szene für die LZ freundlicherweise nach. Foto: ASF

Das Bedürfnis nach Nähe

Amelinghausen/Bleckede/Lüneburg. Wie viele andere hat sich Gabriele Heilmann (68) aus Reppenstedt nach solchen Besuchslockerungen in der Corona-Krise gesehnt: Endlich darf sie ihre 95 Jahre alte Mutter wieder im Seniorenzentrum Amelinghausen auf ihrem Zimmer besuchen. Die zuletzt angebotenen Alternativen, erschienen der Tochter als Zumutung für ihre demente und auf einen Rollstuhl angewiesene Mutter. Zu den zurückliegenden Corona-Einschränkungen sagt Heilmann: „Das war schlimm für Menschen, die nicht mehr so fit sind.“ Die LZ fragte stichprobenartig bei Alten- und Pflegeheimen in Stadt und Landkreis nach, wie Bewohner und Pflegekräfte die Corona-Einschränkungen verkraftet haben und wie es nun weitergeht.

Am Anfang gab es einen improvisierten Besucherraum

Wie in anderen Pflegeeinrichtungen auch hatte das Seniorenzentrum Lopaupark in Amelinghausen zunächst strikte Zugangsverbote. Bis die ersten Lockerungen kamen. Neben Begegnungsmöglichkeiten im Garten konnten Angehörige einen improvisierten Besucherraum nutzen, mit getrennten Zugängen und mit einer Schutzscheibe zwischen Besucher und Bewohner. Heilmann sagt: „Das hat nichts Schönes.“ Es fehle die körperliche Nähe, die insbesondere für Demenzkranke für die emotionale Bindung so wichtig ist. Das letzte Mal hatte Gabriele Heilmann ihre Mutter am 11. März berührt. „Das ist unmenschlich“, sagt sie.

So wie ihr erging es offenbar vielen. Die Sorge um Großeltern, Eltern oder Ehepartner im Heim führte während des Lockdowns zu erhöhten Besuchsanfragen von Angehörigen bei den Einrichtungen, heißt es. Nicht allen konnte entsprochen werden. Damit stieg auch das Frust-Potenzial bei den Angehörigen. Das bekamen nicht nur die Pflegekräfte zu spüren. Auch die Heimleitungen mussten sich vereinzelt mit Beschwerden bei der Heimaufsicht auseinandersetzen, heißt es von der Führungskraft einer Einrichtung, die ihren Namen aber nicht in der Zeitung lesen möchte. Gleichzeitig kämpften die Einrichtungen mit der Beschaffung von Schutzausrüstung, selbst einfache Gummihandschuhe waren im Frühjahr noch Mangelware.

Das Schutzniveau in der Pflege bleibt weiterhin hoch

Über die zurückliegenden Monate sagt Doreen Heidemann, Leiterin des Seniorenpflegeheims Zum Alten Gutshof in Boltersen: „Wir haben in unserer Verantwortung das Klientel, das durch den neuartigen Coronavirus besonders stark gefährdet ist.“ Das anfängliche Besuchsverbot und die spätere Begrenzung auf zunächst einen Besucher hinter einer Scheibe hätten allein den Schutz dieser Risikoklientel gedient. Heidemann: „Im Nachhinein wirft man uns vor, dass wir es zu stark gemacht haben. Aber wir sind bisher ohne Coronafall durchgekommen.“

Trotz der nun gelockerten Besucherregeln, wonach jede Einrichtung selbst verantwortlich ist, bliebe aber das Schutzniveau in der Pflegearbeit weiterhin hoch, so Heidemann. „Das Pflegepersonal arbeitet durchgehend mit Mundschutz. Das ist nicht nur belastend für die Mitarbeiter, sondern auch für unsere Bewohner, weil ein wichtiger Teil der Mimik für die Kommunikation fehlt.“

Auf die Frage, wie die Bewohner grundsätzlich den Lockdown und die Isolierung von ihren Angehörigen verkraftet haben, sagt Michael Kuhrcke, Geschäftsführer in Boltersen: „Es ist zwei geteilt, es gab Bewohner, denen ging es gut, die haben sich mit sich selbst beschäftigt und sind ihren Hobbys nachgegangen. Bei anderen hat sich das psychisch stark ausgewirkt.“

Situation schwer zu erklären

Vor allem demenziell Erkrankten ist die neue Situation schwer zu erklären. Einzelne Bewohner hätten schlechter gegessen. Das hat auch Gabriele Heilmann bei ihrer Mutter beobachtet: Die Seniorin habe sich zuletzt zurückgezogen, teilweise das Essen verweigert und sei abgemagert.

Vor allem demenziell erkrankte Bewohner hätten sensibel reagiert, „wenn sie aus den gewohnten Strukturen gerissen wurden“, so sei auch das Essen in der Gemeinschaft weggefallen, berichtet Doreen Heidemann. Besonders der direkte Kontakt zu den Angehörigen fehlte. Umso wichtiger wurde der persönliche Einsatz der Pflegekräfte.

Dem pflichtet auch Uta Ohme. Sie leitet die Albert-Schweitzer-Altenhilfe in Bleckede. „Die Empathie unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Umgang mit den Bewohnern war sehr gefragt.“ Ohme ist voll des Lobes für das Pflegepersonal: „Unsere gesamte Belegschaft macht einen tollen Job. Die Mitarbeiter leisten jeden Tag schwere Arbeit unter Mundschutz und setzen dabei ihre eigene Gesundheit aufs Spiel, da der Mindestabstand im Tagesablauf kaum eingehalten werden kann.“ Und sie füllten durch „liebevolle Hilfen und professionelle Begleitung“ die Lücken, die die Besuchseinschränkungen gerissen hätten.

Bezugspersonen waren trotzdem immer da

Das wird auch in Lüneburg so gesehen: „Insbesondere für demenziell erkrankte Bewohner sind die Pflege- und Betreuungskräfte oft genauso vertraut wie ihre Angehörigen“, sagt Angela Wilhelm, Sprecherin der Gesundheitsholding Lüneburg, zuständig für das Pflegeheim Alte Stadtgärtnerei in Lüneburg. „Ihre Bezugspersonen im Alltag waren also trotz Corona-Lockdown immer für sie da. Einige Bewohner bekamen auch früher eher selten Besuch von Angehörigen, Freunden oder Bekannten. Da ihre zeitliche Orientierung oft stark eingeschränkt ist, vergessen sie diese Besuche oft schnell wieder beziehungsweise erinnern sich nicht, wie viel Zeit seit dem letzten Besuch vergangen ist.“

Mit Blick auf die nun gelockerten Besuchsregeln sagt auch Kuhrcke aus Boltersen: „Wir wollen das tägliche Leben wieder hinkriegen, aber mit Abstand und Mundschutz.“ Das gilt ab Mittwoch auch für das Seniorenzentrum Lopaupark in Amelinghausen. Damit dürfen Angehörige wieder zu den Bewohnern auf Zimmer. Das hatte sich die Reppenstedterin Heilmann lange gewünscht, „solange es noch möglich ist“.

Uta Jung, Einrichtungsleiterin in Amelinghausen, bittet weiter bei Besuchen um Voranmeldung. Und: „Ich appelliere an die Vernunft der Angehörigen, zielgerichtet ins Zimmer zu gehen und weiterhin die Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten.“

Von Dennis Thomas