Mittwoch , 28. Oktober 2020

Im Bann der Krankheit

Lüneburg. „Jan ist ein sehr kranker Mensch.“ Wer das gestern im Landgericht über den Angeklagten sagte, muss es wissen: seine Mutter. Die 6 7-Jährige wollte reden, obwohl sie als nahe Angehörige nicht müsste. „Aber meine Aussage soll dazu beitragen, dass er eine angemessene Behandlung erhält und irgendwann ein selbstbestimmtes Leben führen kann.“

Nach ihrer Aussage ist klar: Die angeklagten 23 Delikte sind nur das letzte Symptom eines durch Krankheit gezeichneten Lebens. „Seit 21 Jahren ist mein Sohn krank. 22 Mal wurde er in Psychiatrien eingewiesen, verbrachte drei Jahre in der Geschlossenen, hat zwei Selbstmordversuche hinter sich.“

Der psychiatrische Sachverständige, Dr. Marc Schröder, hörte aufmerksam zu, als die Mutter in Saal 21 erzählte, wie die Krankheit das Leben ihres Sohnes – und damit zugleich das der gesamten Familie – vergiftete: In der Pubertät wurde der heute 38-Jährige auffällig. Sein Tag-Nacht-Rhythmus entgleiste. „Was im Radio oder Fernseher gespielt wurde, bezog er auf sich; glaubte durch die Wand zu hören, wie die Nachbarn schlecht über ihn sprächen“. Er wütete im Haus, beleidigte und bedrohte Eltern und Bruder. Mit Cannabis wollte er seiner Stimmungsschwankungen Herr werden.

„Schuld sind immer die anderen“

Das scheiterte. Auf dem Internat gelang Jan L. noch der Realschulabschluss, dann kam es zur ersten Psychose. Die „Krisen“, wie seine Mutter sie nennt, konnten auf vielfältige Weise ausgelöst werden. Als er seine Mutter in der Klinik an Schläuchen sah, als sie im Stau steckte und zu spät kam, wenn kein Geld im Portemonnaie war.

„In fünf Wohnungen erhielt er wegen massiver Sachbeschädigung die Kündigung, seine Mitbewohner waren verängstigt.“ Die Schwierigkeiten steigerten sich. Immer seltener hielt sich Jan L. an Absprachen – auch an die mit seinen Ärzten. „Er hat kein Unrechtsbewusstsein. Schuld sind immer die anderen“, sagt die Mutter. Und: „Wir sind an unsere Grenzen gestoßen.“

Ein Kontaktverbot sollte ihn von seinem Elternhaus in Brietlingen fernhalten – „damit wir uns wenigstens zu Hause sicher fühlen konnten“. Doch vergeblich. Nachts warf er bei seinen Eltern die Scheiben ein, am nächsten Tag kam er, um im Garten zu helfen. Um ihn von zu Hause fernzuhalten, traf sich die Mutter über drei Monate täglich pünktlich um 11 Uhr auf dem Parkplatz des Behördenzentrums auf der Hude. „Direkt vor der Wache wusste ich, ich bekomme notfalls Hilfe.“ Am Gesichtsausdruck ihres Sohnes erkannte sie, wenn der angespannt war. „Dann öffnete ich nur das Seitenfenster einen Spalt.“

In der Psychiatrie würden die Ärzte abklopfen, zu welcher Therapie der Patient bereit sei, berichtet die Mutter von ihren Erfahrungen. Doch zuletzt lehnte Jan L. sämtliche Vorschläge ab. Eine Haltung, die in die Deliktkaskade zwischen Mai 2019 und Januar 2020 mündete. Unter anderem soll Jan L. ein Fernseher und ein Fahrrad gestohlen, die Zeche geprellt, Passanten beleidigt und geschlagen sowie sich vor jungen Mädchen exhibitionistisch entblößt haben. Zurück in der Geschlossenen, brach er seiner Mutter die Nase.

Die 1. große Strafkammer wird auch darüber zu entscheiden haben, ob der Angeklagte auf Sicht eine Gefahr für die Allgemeinheit bleibt.

Von Joachim Zießler