Donnerstag , 29. Oktober 2020
Auch der Platz rund um den alten Kran könnte für die Außengastronomie genutzt werden, schlagen Gastwirte aus der Nachbarschaft vor. Foto: Michael Behns

„Jeder einzelne Tisch hilft uns“

Lüneburg. „Wenn nicht schnell die Weichen richtig gestellt werden, dann haben wir in einem Jahr eine ganz andere Innenstadt, die aus Ein-Euro-Läden, Nagelstudios sowie großen Gastronomie- und Einzelhandelsketten bestehen wird.“ Für Jörg Laser steht fest: Nur mit der Wiedereröffnung der Gastronomie nach der Corona-Pandemie ist es nicht getan. Kleine Cafes, individuelle Unterkünfte, das zeichnet Lüneburg aus. So wie Lasers kleines Boutique-Hotel „Einzigartig“ angrenzend an den Stint. Jedes Zimmer sieht anders aus, auch Lüneburger kommen gerne zu den kulturellen Veranstaltungen dort. Oder vielmehr kamen. Denn das Angebot ist derzeit stark eingeschränkt. Und die Gastronomen in der Stadt brauchen dringend weitere Einnahmequellen. Eine zentrale Forderung dabei: Zusätzliche Flächen für die Außengastronomie.

Ohne Rettungsgassen geht gar nichts

Das Thema ist längst angekommen im Lüneburger Rathaus. Und so wird heute Abend eine Delegation unter die Lupe nehmen, was möglich ist zum Beispiel rund um den Stint. Mit dabei sein soll auch die Feuerwehr mit entsprechendem Personal und mindestens einem großen Fahrzeug. Denn eines ist klar: Ohne die Einhaltung von Rettungsgassen geht gar nichts. Und das weiß man natürlich auch unter den Gewerbetreibenden. Ihnen gehe es auch gar nicht darum, am Stint noch mehr Unordnung zu verursachen, betont Laser. Ganz im Gegenteil: „Indem man mehr Sitzmöglichkeiten schafft, kann man das Treiben hier vielleicht in geordnetere Bahnen lenken.“ Derzeit ist die Situation vor allem an den Wochenendnächten unüberschaubar.

Auch das vorübergehende Verbot des Landkreises, dicht an dicht die Stintbrücke zu bevölkern, hat das Problem nicht gelöst, sondern nur verlagert: „Die Menschen sind ja dennoch da, die saßen dann überall auf den Bürgersteigen in den umliegenden Straßen“, hat Pauline Lüdeke-Dalinghaus beobachtet. Sie betreibt die Bar und Galerie „Blaenk“ direkt gegenüber des Hotels Einzigartig an der Lünertorstraße. Das „Blaenk“ hat keine Außengastronomie, von 36 Plätzen für Gäste bleiben ihr angesichts der Abstandsregelungen gerade mal 22. Zu wenig, um auf Dauer zu überleben. Lüdeke-Dalinghaus hat erst vor einer Woche ihre Bar wieder aufgemacht, für sie war es ein ständiger Abwägungsprozess zwischen dem wirtschaftlichen Druck und dem Bestreben, die Gesundheit der Gäste nicht aufs Spiel zu setzen.

„Bei so einem Wetter wie in diesen Wochen wollen die Menschen aber nicht drinnen sein“, weiß die Geschäftsführerin. Stattdessen sitzen die Kneipengänger auf dem Kantstein vor ihrer Bar, mit einem Getränk aus dem Kiosk, während wenige Meter weiter ein Ordnungsdienst die leere Stintbrücke bewacht. „Wirklich gelöst hat man damit nichts“, stellt die Betreiberin des Blaenk fest.

Auch kleine „Inseln“ seien eine Möglichkeit

Der Vorschlag der beiden Gastronomen: Man könnte doch zum einen das Gelände rund um den Kran mit Tischen und Stühlen bestücken. So würde man das abendliche Treiben in geordnete Bahnen lenken, natürlich unter Wahrung der Abstände und der Nachtruhe.

Außerdem könnte man die davor verlaufende Lünertorstraße zu einer so genannten „Spielstraße“ machen, in der Fußgänger und Autofahrer gleichberechtigt sind. Dann wäre es auch kein Problem, auf den Gehsteigen Tische und Stühle aufzustellen, wenn es auch nur wenige sein könnten. „Aber jeder einzelne Tisch hilft uns“, sagt die Geschäftsführerin. Passanten könnten die Straße nutzen, die wiederum für Rettungsfahrzeuge frei von Mobiliar sei. Angenehmer Nebeneffekt: Autofahrer könnten nicht wie bisher das Gaspedal durchtreten, um die wenigen Meter bis zur nächsten Ampel in hohem Tempo zurückzulegen und so die Fußgänger auf den schmalen Gehwegen zu gefährden. Nur Schrittgeschwindigkeit wäre noch erlaubt. Bei den Tischen würden die Abstände gewahrt, die nächtlichen Umtrunke eng an eng auf dem Bürgersteig somit vermieden. Auch kleine „Inseln“, um die Fahrbahn zu verschmälern, seien eine Möglichkeit. „Das könnte der Straße, durch die ja auch viele Touristen gehen, noch einmal ein ganz anderes Flair geben“, schwärmt Laser. Und, ganz klar, es könnte auch die dringend benötigten Einnahmen bringen.

Die Stadtverwaltung sah sich zuletzt der Kritik der Grünen Bundestagsabgeordneten Julia Verlinden ausgesetzt, sie würde Gastronomie verhindern. Das hatte man im Rathaus entschieden zurückgewiesen. Man stehe in der Verantwortung, auch alle Sicherheitsaspekte zu berücksichtigen, beim Brandschutz dürfe es keine Abstriche geben. Was am Stint möglich ist, wird sich womöglich schon heute Abend zeigen.

Von Thomas Mitzlaff