Der Nachbarschaftsstreit zwischen Dennis A. und dessen Frau Miriam sowie Manfred H. (nicht im Bild) hatte es sogar ins Fernsehen geschafft. Foto: a/t&w

„Im lustigen Entengang“

Lüneburg. Es ist ein stattlicher Stapel Papier, den Amtsrichter Blumenthal in den Händen hält. Dutzende handgeschriebene Seiten hat Sabiene H. zusammengestellt. Sie sollen dokumentieren, dass ihr Nachbar der Böse ist in diesem schier unendlichen Streit, den die Parteien auch gerne vor Gericht austragen. Angeblich falsch herausgestellte gelbe Säcke, Beobachtungsposten auf einem Klettergerüst, sogar Schüsse aus einer Schreckschusspistole – wenn Dennis A. auf der einen, sowie Sabiene H. (52) und ihr Ehemann Manfred (80) auf der andere Seite aufeinander treffen, gibt es immer Ärger. Das Problem: Sie sehen sich zwangsläufig regelmäßig, schließlich wohnen sie nebeneinander.

In der TV-Sendung eines Boulevardmagazins haben sich Manfred H. und Dennis A. schon richtig gezofft, die Polizei rufen beide Parteien regelmäßig, wechselseitige Beleidigungen gehen auch schon mal gerne unter die Gürtellinie. Und hin und wieder erstattet einer von beiden Anzeige oder will eine Verfügung, dass der andere nicht so gemein sein darf. Diesmal hat Manfred H. seinen Anwalt in Stellung gebracht, er will sich dagegen wehren, im August und September vergangenen Jahres angeblich wüst beschimpft worden zu sein. Worte wie „blinder Krüppel“ seien da gefallen.

Für den Richter ist es ein großes Durcheinander

Als Zeugin ist ausgerechnet die Ehefrau des Rentners geladen, die ja schon zu Papier gebracht hat, was sie von ihrem Nachbarn im Allgemeinen und seinen Beschimpfungen im Besonderen hält. Für den Richter ist es gar nicht so einfach, herauszufinden, wann denn nun welche Vorfälle gewesen sein sollen und wie viele davon doch eher einer grundsätzlichen Abneigung statt eines konkreten Vorfalls entspringen. Am 28. August sowie am 7. und 24. September will Manfred H. beleidigt worden sein. Das sei gut möglich, erklärt seine Gattin eifrig und holt gleich mal zum Rundumschlag aus. Und neulich habe der Nachbar ja noch mit Steinen geworfen, und dann sei da ja noch die Sache mit der Waffe gewesen und die mit zwei großen Säcken, die Dennis A. im „lustigen Entengang“ getragen habe, und, und, und ...

Was denn nun an den drei Terminen gewesen sei, will Richter Blumenthal beharrlich wissen und löst damit nur den nächsten Wortschwall aus. Und jedem im Saal ist klar – hier wird es keinen Frieden mehr geben, die Sache als solche ist aussichtslos. Für die Anwälte ein lohnendes Geschäft, die Justiz kann sich nicht wehren gegen die Papierflut, dem Publikum werden große Theatralik und viele Tränen geboten. Und der Richter muss sich mit der Frage herumplagen, ob die Aufforderung, ins Altersheim zu verschwinden, denn nun wirklich schon eine Beleidigung sein kann und ob das Angebot, man zahle die Beerdigung des anderen gerne, tatsächlich ein Fall für eine Unterlassungserklärung ist.

Bald wieder ein dicker Stapel auf dem Schreibtisch?

Und während sich im Saal große Ratlosigkeit zur Frage breit macht, wie man diese völlig verfahrene Situation denn überhaupt noch klären könnte, lässt eine Bemerkung zum Ende der Sitzung dann alle Seiten aufhorchen. „Wir können nicht mehr, wir ziehen weg“, verkündet Manfred H. theatralisch. Nachbar Dennis A. wundert das gar nicht: „Denen ist gekündigt worden, wegen der Schüsse“, raunt er unwidersprochen durch den Saal.

Wohin sie ziehen, verraten Sabiene und Manfred H. derweil nicht. Und so kann sich Richter Blumenthal nicht sicher sein, ob nicht doch irgendwann wieder ein dicker Stapel mehr oder weniger belegbarer Vorwürfe auf seinem Schreibtisch landet.

Von Thomas Mitzlaff

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