Freitag , 23. Oktober 2020
Der mangelhafte Einsatz digitaler Mittel im Unterricht wurmt manche Eltern. Foto: t&w

Superverbreiter von Frust

Lüneburg. 42.945 Schulen gibt es nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Deutschland. Und manche davon wurden in Zeiten der Seuche zu „Superspreadern“ an schlechter Laune. Auch in unserer Region. „Manche Lehrer haben das als verlängerte Ferien missverstanden.“ „Die Schüler wurden nicht motiviert.“ „Albtraummäßig.“ Harte Töne aus dem Umfeld der Christianischule, des Gymnasiums Oedeme und des Gymnasiums Bleckede. Schlaglichter auf das Meinungsbild unter den Eltern:

Christiane Reese ist Mutter einer Sechstklässlerin an der Oberschule am Kreideberg, der Christianischule. „Ich bin sehr frustriert. In der Corona-Krise wurde die Bildung unserer Kinder verraten.“ Präsenzunterricht war für ihre Tochter erst wieder ab Mitte Juni vorgesehen. Und die Zeit davor sorgte dafür, dass sich Christiane Reese nun als „Nervenbündel“ bezeichnet.

„Einige waren sehr engagiert“

Zwar verfüge die Christianischule über einen IServ Schulserver, „auf dem theoretisch sogar Videochats durchgeführt werden können“. Doch die Lehrer ihrer Tochter hätten dies nur unzureichend genutzt, meint Christiane Reese. „Einige waren sehr engagiert, haben dort Aufgabenmodule eingestellt und korrigiert. Andere zeigten keine Motivation, die Beamtenbezüge laufen ja weiter.“ Einige boten ihren Schülern interaktive PDF, andere Papierkopien. Entscheidend sei aber: „Das waren bisweilen Aufgaben auf Grundschulniveau.“

Was nütze eine gute technische Plattform, wenn sie nicht genutzt werde, fragt Christiane Reese. Auf Besserung mochte sie nicht mehr hoffen. „Zum Glück sind die Noten meiner Tochter so gut, dass ich sie jetzt auf der Herderschule anmelden konnte.“

Anke Lindemann hatte ihre beiden Söhne nach ihren Worten am Gymnasium Bleckede angemeldet, „weil das ein junges und motiviertes Team zu sein schien. Wir haben uns getäuscht.“

Söhne im Homeschooling „nicht ausgelastet“

In den zwei Wochen vor den Osterferien sei sie nervös geworden, weil ihre Jungs in der 6. beziehungsweise 9. Klasse noch keinerlei Aufgaben bekommen hätten – anders als die Kinder von Freunden auf anderen Schulen. „Ich schrieb den Schulleiter an, der antwortete, dass sich andere Eltern darüber beklagt hätten, dass es zu viele Aufgaben wären. Ich schrieb Kultusminister Tonne an, der antwortete, dies läge im Ermessen der Schulleitungen.“ Anke Lindemann erlebte ihre Söhne im Homeschooling als „nicht ausgelastet“. Der Sechstklässler habe „nur eine Stunde für die Aufgaben gebraucht. Der Vormittag hätte es schon sein dürfen.“

Der erste Schultag in der Schule war am 22. Juni, wobei er eine Woche präsent sein musste, gefolgt von einer Woche daheim. Der Neuntklässler sei nur an vier Tagen der Woche für vier Stunden in der Schule gewesen. „Und dann wurden Deutsch und Französisch nicht unterrichtet, dafür aber Musik.“ Zwar seien die Lehrer ihrer Kinder erreichbar gewesen, doch deren mangelnde Rückmeldungen hätten demotivierend gewirkt. „Meine Sorge ist, dass es nach den Ferien so weitergeht.“

„Es gab keine Zoom-Konferenz“

Auch Ulrike Cloppenburg ist bedient. Ihr Sohn geht in die 11. Klasse des Gymnasiums Oedeme. „Ich ärgere mich seit April, denn Unterricht hat für ihn so gut wie gar nicht stattgefunden.“ Mal sechs Stunden im Block oder zwei Tage in der Woche – „Schule auf Sparflamme“ nennt sie das und listet Defizite auf: „Mein Sohn hat nichts von den Lehrern gehört, online wurden nur Hausaufgaben gestellt, es gab keine Zoom-Konferenz.“

Und sogar innerhalb der Sechs-Stunden-Blöcke habe kein regulärer Unterricht stattgefunden: „Mal 15 Minuten Deutsch, mal 30 Minuten Mathe. Digital fand nichts statt. Dabei wurden in der Wilhelm-Raabe-Schule sogar Klausuren geschrieben.“

Die „schlechte Kommunikation“ im Corona-Schuljahr lässt Ulrike Cloppenburg ein bitteres Fazit ziehen: „Wir sind das beste Beispiel, dass hierzulande die Digitalisierung verschlafen wurde.“

Von Joachim Zießler

Themen in Kürze: Die Feuerprobe der Ganztagskoordinatoren. Und: Licht und Schatten an den Grundschulen. Wie sind ihre Erfahrungen als Eltern oder Lehrer im Corona-Schuljahr?

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