Freitag , 18. September 2020
Schon vor der Geburt suchen die Sauen von Peter Schindler ihre Hütten auf, um vor Regen und Sonne geschützt zu sein. Foto: Michael Behns

Raus aus dem Kasten

Heiligenthal/Klein Süstedt. Eigentlich hat Thorsten Riggert gerade gar keine Zeit für ein Gespräch. „Ich habe hier gut 40 werdende Mütter, die heute fertig werden wollen“, entschuldigt er sich. „Da muss man sich kümmern.“ Der Landwirt aus Klein Süstedt hat in seinen letzten 35 Berufsjahren Tausende Ferkel zur Welt kommen sehen. Der stalleigene Kreißsaal ist dauerhaft belegt: Zwei- bis dreimal im Jahr werden Riggerts 400 Sauen dort in einem 220 mal 90 Zentimeter großen Metallrahmen fixiert, der die Tiere daran hindern soll, ihren Nachwuchs beim Liegen zu erdrücken. Dieser sogenannte Kastenstand ist schon lange umstritten, weil sich die Tiere darin kaum bewegen können. Nun hat der Bundesrat sein Aus besiegelt.

Noch 15 Jahre Zeit bis zur Umstellung

Nach einer Übergangsfrist von acht Jahren müssen die Kastenstände aus dem Deckzentrum verschwunden sein. Im Abferkelbereich bleiben den Schweinezüchtern 15 Jahre Zeit. Danach dürfen die Sauen maximal fünf Tage um den Geburtszeitpunkt im Kastenstand gehalten werden. Aus Riggerts Sicht ein Drama: „Damit hat die Politik die Masse der Familienbetriebe in die Pleite geschickt und enteignet“, wettert er gegenüber der LZ. Der Vorsitzende des Bauernverbandes Nordostniedersachsen befürchtet, dass die Sauenhalter nicht mehr in die nötigen Umbaumaßnahmen ihrer Ställe investieren können und dürfen.

Noch verbringen die Sauen in Riggerts Stall drei Wochen während der Säugezeit im Kastenstand. Dazu kommen bis zu vier Wochen, wenn sie „rauschig“, also paarungsbereit, sind – aus Gründen der Sicherheit, sagt der Landwirt aus dem Nachbarlandkreis Uelzen. Denn zum einen drohten die rauschigen Sauen einander ohne Trennung zu verletzen, zum anderen gewährleiste der Metallkäfig eine höhere Überlebenschance der Ferkel. Bei der freien Wahl für einen Liegeplatz könnte die Sau ihren Nachwuchs erdrücken, erklärt Riggert. Er betrachtet diese Haltungsform auch als Arbeitssicherheitsmaßnahme: „Die Sauen wollen ihren Nachwuchs verteidigen und gehen auf den Menschen los. So finden Sie keinen Mitarbeiter mehr.“

Doch es gibt auch andere Beispiele. Rund 30 Kilometer entfernt, bei Peter Schindler in Heiligenthal, gibt es keinen Kastenstand – schon seit 2007 nicht mehr. Dort bekommen die Sauen ihren Nachwuchs auf der Wiese. „Meistens schaffen sie das ganz gut allein“, erzählt Schindler. Vier Wochen vor dem errechneten Geburtstermin ziehen die Tiere in Kleingruppen aus ihrem Stall nach draußen, für die letzten zwei Wochen bekommen sie eine Einzelparzelle mit Schutzhütte. Diese suchten die Sauen auf, um ihren Nachwuchs sicher zu gebären. Das klingt romantisch, hat aber auch seine Schattenseiten: „Die Verluste sind höher. Eine unruhige Sau kann da schon mal zwei bis drei Ferkel erdrücken“, berichtet Schindler. Zwischen zehn und 15 Ferkel bringt eine Sau zur Welt.

Es geht auch ums Tierwohl

Dass der konventionelle Landwirt trotzdem an dieser Haltungsform festhält, ist nicht allein dem Tierwohl-Argument geschuldet. Schindler will nicht mal mit Sicherheit sagen, dass seine Sauen Hitze oder Schnee dem Stall unbedingt vorziehen würden. „Ich kann sie ja nicht fragen.“ Die Entscheidung, auf den Kastenstand zu verzichten, haben seine Eltern getroffen. Die hätten schon vor 13 Jahren geahnt, dass sich bei den Haltungsvorschriften einiges ändern werde, erzählt der Junglandwirt.

Während viele seiner Kollegen nun Geld in den Stallumbau stecken müssen, bleibt bei Familie Schindler alles wie gehabt. Das sei auch nicht immer schön, sagt der Junior – wenn etwa bei der Weidekontrolle wieder ein erdrücktes Ferkel auffällt, oder wenn die Muttertiere ihren Nachwuchs verteidigen: „Das endet hin und wieder mit Bisswunden.“ Peter Schindler hat einige davon. „Und das tut wirklich weh.“

Bonus für die Ferkel

Am Ende rechne sich der Aufwand aber. „Die Tiere sind vitaler und gesünder“, sagt Schindler. Er habe weniger Tierarztkosten und bekomme einen Bonus für seine Ferkel. Trotzdem steht auch Schindler der Entscheidung des Bundesrates gegen den Kastenstand kritisch gegenüber: Mit 30 Sauen sei das machbar, mit 300 aber stoße ein Betrieb an seine Grenzen, glaubt er. „Machbar ist alles“, meint Thorsten Riggert. „Die Frage ist nur, zu welchem Preis.“ Er will in der Absage an den Kastenstand so gar keinen Gewinn in Sachen Tierwohl erkennen. „Die Sauen werden Beckenbrüche kriegen und noch so einiges mehr.“

Die jüngste Novellierung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung sichert den Sauen nach dem Absetzen bis zur Besamung künftig mehr Platz zu: Statt Kastenstand und Einzelhaltung nun Gruppenhaltung und mindestens fünf Quadratmeter je Sau. „Aber dafür gibt es überhaupt keine rechtliche Grundlage“, moniert Riggert. Er selbst habe vor zwei Jahren einen Auslauf für seine Schweine bauen wollen, jedoch aufgrund emissionsrechtlicher Bedenken keine Genehmigung erhalten. Das werde seinen Kollegen wohl ähnlich gehen.

Mehr Planungssicherheit für die Bauern soll nun offenbar mit einer Änderung des Baugesetzbuchs erreicht werden. „Stallumbauten, die für mehr Platz und bessere Bedingungen sorgen, sollen für sie zukünftig ohne großen Aufwand umsetzbar sein, damit ein Mehr an Tierwohl nicht an bürokratischen Hürden scheitert“, teilt das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft auf Anfrage mit.

Weit entfernt von Planungssicherheit

Ställe, die im Außenbereich stehen, dürfen nach derzeit geltendem Recht nur aufgrund eines Bebauungsplans geändert werden. Für bestimmte Änderungen zur Verbesserung des Tierwohls soll hiervon zukünftig eine Ausnahme gemacht werden, „wenn mit der baulichen Änderung der Anlage keine Erhöhung der Tierplatzzahl erfolgt“, heißt es vom Ministerium. Ein entsprechender Gesetzesentwurf werde nun dem Bundestag zur Beratung vorgelegt. Riggert hat aber kaum Hoffnung, dass dieser Vorstoß tatsächlich zu mehr Planungssicherheit führt. „Wir warten darauf schon seit vier bis fünf Jahren.“

Von Anna Petersen