Donnerstag , 6. August 2020
Die zweifache Olympiasiegerin Kristina Vogel, seit einem Trainingsunfall 2018 querschnittsgelähmt, hat eine Gastrolle bei den Roten Rosen. Die Folgen sind ab 10. September zu sehen. Foto: be

Premiere für die Olympiasiegerin

Lüneburg. Wenn Pia Richter sich nach einem Disput mit ihrer Mutter Astrid in Lüneburg über das holprige Kopfsteinpflaster gequält hat, die Szene im Kasten ist und die Regisseurin zufrieden den Daumen in die Höhe streckt, kann Clara Apel aufstehen und ihren Rollstuhl zur Seite stellen. Die 18-Jährige ist nur in ihrer Rolle als Pia bei den Rosen eingeschränkt, im realen Leben kann sie rennen und springen, wie es die meisten anderen jungen Frauen ihres Alters auch tun. Als Kristina Vogel in dieser Woche im Wasserviertel für die Roten Rosen drehte, war für sie auch die Zeit nach den Szenen eine Herausforderung. Denn die einst so erfolgreiche Sportlerin ist seit zwei Jahren querschnittsgelähmt. Und im Rollstuhl kann auch eine Bordsteinkante schon mal zum gefährlichen Hindernis werden, erst recht wenn es regnet.

Kristina Vogel ist 25, als sie 2016 bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro als erste Deutsche Olympiasiegerin im Sprint wird und gemeinsam mit Miriam Welte die Bronzemedaille im Teamsprint holt. Als Sportlerin ist die Bahnradfahrerin ganz oben angekommen. Fast genau vor zwei Jahren ist ihre Bilderbuchkarriere von einem Tag auf den anderen vorbei. Ein Unfall im Training, eine schwere Verletzung, plötzlich ein anderes Leben. Eines, über das sie heute sagt: „Ich habe immer noch ein sehr buntes, tolles Leben.“

Sie trainiert Radsporttalente

Der Sport spielt noch immer eine große Rolle, sie trainiert Radsporttalente. Doch es sind auch ganz neue Facetten hinzugekommen. Kristina Vogel hat die Kommunalpolitik für sich entdeckt. Nicht ohne Stolz erzählt sie, dass sie als Neuling 2019 mit den viertmeisten Stimmen in den Erfurter Stadtrat gewählt wurde – als Parteilose zwar, aber auf der Liste der CDU. „Die haben mich als Erste gefragt, ob ich mir das vorstellen könne. Ich konnte, wollte mich parteipolitisch allerdings nicht binden“, erklärt sie. „Aber ich war schon immer eher CDU-Wählerin.“

Auch als Neuling fühlt sie sich meist ernst genommen und gehört. „Die haben wohl gemerkt, dass ich mir so schnell den Mund nicht verbieten lasse. Außerdem habe ich Ellenbogen, die ich auch einsetzen kann“, erzählt sie und lacht. Ganz ohne Ellenbogeneinsatz habe sie beispielsweise gerade einen Antrag erfolgreich durchgebracht und so dafür gesorgt, dass bei einem neuen Bürgerhaus in Erfurt das taktile Leitsystem für Blinde nachgerüstet wird, das schlicht vergessen worden war.

Neu war nicht nur die Kommunalpolitik, die zweitägigen Dreharbeiten in Lüneburg waren für die Olympiasiegerin ebenfalls eine Premiere: „Ich habe zwar einige Kameraerfahrung, mehrere Kampagnenshootings gemacht oder auch eine Dokumentation über mein eigenes Leben, doch das hier war das erste Mal mit Drehbuch. Aber ich durfte mich ja selbst spielen, musste in keine Rolle schlüpfen, da hatte ich es leichter als alle anderen Schauspieler. Dennoch habe ich gemerkt, wie anspruchsvoll so eine Daily Soap ist, ich habe jetzt noch mehr Hochachtung vor allen Beteiligten.“

Bei den Rosen kommt Kristina Vogel als Kristina Vogel zu einer Veranstaltung nach Lüneburg. An deren Rande hat sie eine Auseinandersetzung mit ihrem Lebensgefährten. „Pia bekommt das mit und ist irgendwie beeindruckt. Sie schließt mich in ihr Herz und erzählt mir von ihren Problemen als Rollstuhlfahrerin. Und ich versuche, ihr dabei zu helfen“, verrät die 29-Jährige.

Lüneburger Kopfsteinpflaster ist Herausforderung

Im November war sie schon einmal bei den Rosen. „Damals dachte ich noch, ich soll die Produktion beraten, was die Darstellung einer Rollstuhlfahrerin angeht.“ Dabei hatte ihr Manager da längst eingefädelt, dass sie auch vor die Kamera soll. „Es hat ein paar Stunden gedauert, aber dann war bei mir der Groschen gefallen“, erinnert sie sich. Lange überlegen musste sie nicht. „Ist doch cool, eine schöne neue Erfahrung. Am Set sind auch alle ultranett zu mir, es ist wie ein kleiner Familiendreh.“ Kristina Vogel scheint den Ausflug ins TV-Geschäft zu genießen. Sie wirkt fröhlich und voller Energie. „Mein Akku ist aufgeladen“, begründet sie. Denn durch die Corona-Pandemie habe sie sich zuletzt eine zweimonatige Auszeit genommen: „Weil ich kein Zwerchfell habe, müsste ich im Fall einer Lungenerkrankung künstlich beatmet werden. Und da ich das aus eigener Erfahrung kenne und weiß, wie das ist, habe ich da keinen Bock drauf. Ich war also jetzt so viel und lange zu Hause wie seit 12, 13 Jahren nicht mehr.“ Ihre Ablenkung: Hausarbeit. „Staubsaugen, Boden wischen – ich habe vieles wieder neu gelernt. Aber jetzt ist der Boden sauber, sind alle alten Kleider aus dem Schrank aussortiert.“

Zeit und neue Kraft für neue Herausforderungen. Wie das Lüneburger Kopfsteinpflaster und die rutschigen Bordsteinkanten. Die Bundespolizistin sagt: „Ich nehme in solchen Situationen dann schon mal Hilfe in Anspruch, das musste ich auch erst lernen, weil ich es früher gewohnt war, immer alles selbst zu regeln.“

Von Alexander Hempelmann

Zur Person

Ausnahmeathletin auf dem Fahrrad

Kristina Vogel kam am 10. November 1990 in Leninskoje in der damaligen Sowjetunion (heute Kirgisistan) zur Welt. Sie machte in Deutschland Karriere als Bahnradsportlerin, gewann elf Weltmeistertitel, ist zweifache Olympiasiegerin, stellte mehrere Weltrekorde auf, holte 21 nationale Titel und wurde zigfach ausgezeichnet. Ein Trainingsunfall beendete im Juni 2018 ihre aktive sportliche Karriere, als Folge einer Kollision mit einem niederländischen Radsportler ist sie seither querschnittsgelähmt.

Die Erfurterin ist heute Trainerin und fördert vor allem junge Radsportler der Bundespolizei, die ihre große Karriere im besten Fall noch vor sich haben. Außerdem ist sie seit dem vergangenen Jahr Kommunalpolitikerin, als parteilose Kandidatin war sie über die CDU-Liste in den Stadtrat von Erfurt eingezogen. Dort setzt sie sich seither vor allem für die drei Themenschwerpunkte Sport, Inklusion und Sicherheit ein.