Mittwoch , 23. September 2020

Die Zukunft verschont niemanden

Und, wie fühlen Sie sich so als Versuchskaninchen? Falls Sie es noch nicht bemerkt haben: Lüneburg ist inzwischen ein Labor. Eine von acht Städten bundesweit, die in 15 Experimenten ausprobieren sollen, wie man nach dem Jahr 2030 an der Ilmenau lebt.

Planen, wie Lüneburg in zehn Jahren aussehen wird? Das ist ambitioniert! Fragen Sie mal ehemalige DDR-Kader nach der Halbwertzeit ihrer Fünfjahrespläne. Das Problem mit der Zukunft ist ja, dass sie so ungewiss ist. Hätten die Betreiber der Diskothek „Garage“ 2010 erwartet, dass sie nun die Bücher schließen?

Dabei sind die möglichen Ziele honorig, wie ein Blick auf die website www.lueneburg2030.de beweist. Lebensmittel werden nicht mehr um die halbe Welt geflogen, bevor sie in Lüneburg gegessen werden, sondern wachsen vor den Toren der Stadt. Das erscheint realistisch, zumal der Klimawandel hier bald auch den Anbau von Mangos möglich machen dürfte. Das könnte doch gleich mit der Begrünung von Fassaden und Dächern verzahnt werden.

Gependelt wird vor allem mit dem Rad, weil Job und Wohnort näher zusammenrücken. Rohstoffe werden nicht mehr verschwendet, sondern immer wieder verwendet. Vielleicht gibt es ja auch mehr Bürgerbeteiligung. Obwohl – der Brexit taugt nicht wirklich als Werbung für direkte Demokratie.

Man sieht kaum noch Backstein unter all dem frischen Grün. Trotz weiteren Zuzugs ist Durchatmen kein Problem.

Kommt nur mir der Gedanke, dass wir der Zukunft allzu viele Hoffnungen aufbürden? Und dass sich all diese Erwartungen auch als die ungelösten Probleme der Gegenwart lesen lassen? Da lobe ich mir doch die handfestere Planung der nahen Zukunft durch die Verwaltung. Etwa durch das Verbot des nächtlichen Sitzens auf der Stintbrücke. Denn es scheint sich noch nicht bei allen herumgesprochen zu haben, dass der intensive Austausch von Krankheitserregern untereinander und mit angereisten Touristen nicht sehr zukunftsträchtig ist.

Mit Menschen, für die eine Inkubationszeit von zwei Wochen schon Science-Fiction-Zukunft ist, das Lüneburg von 2030 zu bauen – das rechtfertigt die eher pessimistische Annahme, dass die Zukunft niemand verschonen wird.

Von Joachim Zießler