Freitag , 30. Oktober 2020
Sicherheitsabstand statt quirliger Fülle prägte die Schulen der Region Lüneburg in den vergangen Wochen - wie hier die IGS Kaltenmoor am 28. April. Foto: Michael Behns

Schlaglicht aufs Seuchen-Schuljahr

Lüneburg. Keine Woche mehr, dann sind Ferien. Normalerweise ist dies die Zeit, in der Schüler den Zeugnissen erwartungsfroh oder zittrig entgegensehen. Doch normal war an diesem Schuljahr nichts. Der Seuchenzug des Coronavirus warf Lehrpläne über den Haufen, ließ Pausenhöfe veröden und Schulflure wie Tatorte aussehen – so viel Trassierband war gespannt worden, um möglichst wenig Kontakte zuzulassen. In Kontakt kommen will in diesem besonderen Jahr die LZ mit Ihnen, den Eltern von Schulkindern. Wie haben Sie die Schule im Seuchenmodus erlebt? Welche Note vergeben Sie?

Als die LZ ihren ersten Aufruf veröffentlichte, sorgte sich der Oldendorfer Gerrit Böhm, dass ein „Shit-Storm über Lehrer und Schulen“ hereinbrechen würde. „Und das haben sie nicht verdient.“ Er berichtet von engagierten Lehrern, sowohl an der Grundschule Soderstorf als auch an der Oberschule Salzhausen. „Note 1“ vergaben Denis Ambrosius und Sonja Werner für das Gymnasium Lüneburger Heide in Melbeck.

2,2 Millionen Gymnasiasten

Die beiden Mütter können zwar nur für zwei von 2,2 Millionen Gymnasiasten in Deutschland sprechen. Vater Böhm für zwei von 2,8 Millionen Grundschülern. Doch ihre Eindrücke liefern das erste Schlaglicht. Eines, das wenig Schattentöne zulässt.

Denis Ambrosius lobt das Tempo, mit dem sich das GLH im März auf den Unterricht im Shutdown einstellte. „Normalerweise sind Tablets und die Lernplattform ‚It‘s Learning‘ erst ab dem 7. Jahrgang vorgesehen.“ Nun wurden sie auch für die 5. und 6. Klassen freigeschaltet. Zwei Tage wurden die Schüler, darunter ihre Tochter in der 5. Klasse, geschult, dann ein Tag die Lehrer – „und am Tag darauf ging der Unterricht los“.

Zunächst seien durchaus einige Schüler „verunsichert“ gewesen, ergänzt Sonja Werner, die am GLH eine Tochter in einer 6. Klasse hat. „Aber mittlerweile sind alle zu kleinen Computerexperten geworden.“ Als Plus wertet sie, „dass von Anfang an der Stundenplan beibehalten wurde“.

Nicht allen Kindern gelang der Sprung von der Kreidezeit ins digitale Lernen gleich gut, ist die Erfahrung der beiden Mütter. Diejenigen, die bereits gewohnt waren, sich selbstständig etwas zu erarbeiten, hatten keine Probleme, sagt Denis Ambrosius. Wer sich aber allein vor dem Computer nicht zu konzentrieren vermochte, zudem vielleicht Eltern hatte, die nicht ins Homeoffice gehen konnten, stand vor einer Herausforderung, hat Sonja Werner beobachtet.

Mängel wurden durch Einsatz wettgemacht

Ihre Töchter schätzten, dass ihre Lehrer via Chat oder Mail ständig erreichbar waren. Denis Ambrosius lobt, dass sich sogar die Lehrer, die kurz vor der Pensionierung standen, in die neue Lernplattform eingearbeitet hätten. „Und das hat nichts mit der besseren finanziellen Ausstattung einer Privatschule zu tun, sondern mit Engagement.“

Nach den Osterferien startete auch das GLH in einer Art Wechselschichtmodus. Doch der Klassenzusammenhalt blieb gewahrt. Denn die Schüler, die sich im Homeschooling befanden, waren die ersten 45 Minuten des Unterrichts per Video zugeschaltet. Die technische Ausstattung war dabei nicht das Problem, „eher die langsamen Internetverbindungen von Schülern, die auf dem Dorf leben“.

Für eine mögliche zweite Corona-Welle sei die Schule gewappnet, meint Denis Ambrosius. Aufgrund eines Förderantrags noch aus Vor-Corona-Zeiten sei das GLH nun komplett mit Whiteboards ausgestattet, „der Unterricht damit komplett online möglich“.

Gerrit Böhm hat zwei Töchter in der Grundschule Soderstorf. Als auch das Schulleben ins künstliche Koma gelegt wurde, „war dies schon eine Gratwanderung für die Eltern“. Der Polizist und seine Frau, die Lehrerin an der Oberschule Salzhausen ist, konnten sich ihre Schichten so einteilen, dass sie ihre Töchter beim Abarbeiten des Aufgaben-Pools unterstützen konnten.

„Mängel in der Infrastruktur“

„Dabei haben wir von total engagierten Lehrern profitiert“, sagt Böhm. „Die haben für die Zweitklässler sogar Erklärvideos gedreht.“ Für die ältere Tochter begann in der vierten Klasse der Unterricht früher, doch als die Zweitklässlerin nachzog, „hat die Schule dafür gesorgt, dass die Geschwister am selben Tag Präsenzunterricht hatten“. Das habe den Eltern die Planung ihrer Arbeit erleichtert. Am Arbeitsplatz seiner Ehefrau, der Oberschule Salzhausen, seien zwar „Mängel in der Infrastruktur“ sichtbar geworden. So seien die Bildungsserver, auf die die Schüler zugreifen sollten, „maßlos überlastet“ gewesen. Auch verfügten nicht alle Schüler zu Hause über einen Drucker. Doch das hätten die Lehrer „mit tollem Einsatz wettgemacht. Dann wurde das Unterrichtsmaterial in der Schule kopiert und mit dem Privatwagen zu den Schülern gebracht.“

Auch für die Lehrer sei das Corona-Schuljahr herausfordernd gewesen, berichtet Gerrit Böhm. So habe seine Frau von morgens früh bis abends spät Rückmeldungen ihrer Schüler erhalten – „natürlich in der Erwartung einer schnellen Antwort“.

Angesichts der für alle neuartigen Herausforderung „haben alle das Beste daraus gemacht“, lautet sein Resümee.

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Von Joachim Zießler

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