Mittwoch , 23. September 2020
Das Verbreitungsgebiet der Wildkatze soll sich noch bis ins 20. Jahrhundert hinein fast über den ganzen Kontinent erstreckt haben. Heute zählt die Wildkatze zu den gefährdeten Arten. Foto: Adobe Stock

Tierisches Glück gehabt

Soderstorf. Die Europäische Wildkatze kehrt offenbar zurück in die Lüneburger Heide. Die niedersächsischen Wildkatzenexperten des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) haben in dieser Woche erstmals ein Foto aus dem Landkreis Lüneburg erhalten, das mit hoher Wahrscheinlichkeit Jungtiere zeigt. Die hatte ein Jagdpächter mit der Wildtierkamera im Wald zwischen Soderstorf und Schwindebeck aufgenommen. Namen werden nicht genannt, um keine Rückschlüsse auf das Gebiet zuzulassen. Bereits 2018 hatte der Pächter auf Bildern erwachsene Tiere vermutet, die neuen Fotos lieferten nun den Beweis, sagt er.

Klassische Merkmale der Wildkatze sind gut erkennbar

Beim BUND-Landesverband Niedersachsen ist man da noch etwas vorsichtiger: „Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um Wildkatzen handelt, liegt bei 95 Prozent“, sagt Expertin Andrea Krug. Zwar seien auf den Bildern die klassischen Merkmale gut erkennbar – ein breiter, buschiger Schwanz mit schwarzen Ringen und schwarzem Ende –, dennoch gäbe es auch Hauskatzen, die ihren wilden Verwandten zum Verwechseln ähnlich sehen. Dass diese allerdings im Wald wohnen, sei äußerst unwahrscheinlich.

Krug geht davon aus, dass die Elterntiere aus dem Harz oder dem Solling im Weserbergland über die Gemeinde Bispingen in den Landkreis vorgedrungen sind. Hier suchten die scheuen Wildkatzen nun vor allem eines: engmaschige Waldgebiete mit genügend Unterschlupfmöglichkeiten, in denen sie sich verstecken können – auch vor dem Regen. Der dürfte den Tieren gerade alles andere als genehm sein. „Frühere Untersuchungen haben ergeben, dass 75 Prozent der Jungtiere aufgrund von Nässe und Kälte krank werden und sterben.“ Und auch der Verkehr stelle eine ernsthafte Bedrohung für die geschützten Tiere dar: Von schätzungsweise 700 Wildkatzen in Niedersachsen würden jährlich mindestens 45 auf der Straße überfahren. „Das sind noch viel zu viele“, findet Krug. Wildtierquerungen würden Abhilfe schaffen, seien aber im erforderlichen Maße utopisch. Dennoch: Krug ist zuversichtlich, dass sich die Wildkatze in der Lüneburger Heide schon in wenigen Jahren wieder fest etabliert. Die sei schon durch die hiesigen Wälder gelaufen, lange bevor die Römer die ersten Hauskatzen mit über die Alpen brachten. Das Verbreitungsgebiet der Wildkatze soll sich noch bis ins 20. Jahrhundert hinein fast über den ganzen Kontinent erstreckt haben. Heute zählt die Wildkatze zu den gefährdeten Arten.

Mehrere Hinweise auf Wildkatzen

Der Vorsitzende der Lüneburger Kreisjägerschaft, Christian Voigt, wertet die Aufnahmen aus der Gemeinde Soderstorf als „wirklich schönen Beitrag zur Artenvielfalt“. Denn im Gegensatz zu vielen eingewanderten Tieren wie etwa dem Waschbären sei die Wildkatze ein „ergänzender Bestandteil“ der Natur. Soll heißen: keine Konkurrenz für andere heimische Beutegreifer und für viele Bodenbrüter ungefährlich. Das bestätigt Andrea Krug: Wildkatzen machten überwiegend Jagd auf Mäuse – und zwar ausschließlich nachts im Wald oder auf Wiesen.

Laut Krug hat es auch im Nachbarlandkreis Lüchow-Dannenberg im vergangenen Jahr mehrere Hinweise auf Wildkatzen gegeben. Die Antwort auf die Frage, weshalb die Tiere nun offenbar weiter in den Norden vordringen, liege auf der Hand: Die Reviere der Tiere seien groß, die Wälder in Südniedersachsen voll. „Darum ziehen sie nun weiter in die Lüneburger Heide.“

Mit den Jägern auf eine längere Jagdpause geeinigt

Die Expertin schätzt das Alter der Jungen auf etwa acht Wochen. Im Herbst würden auch sie sich auf die Suche nach einem eigenen Revier machen und schon bald einen Paarungspartner suchen. Der Pächter hofft, dass alle vier Jungtiere, die auf den Fotos zu sehen sind, durchkommen. Er habe extra eine Wasserstelle in der Nähe des Fundortes eingerichtet und sich mit den anderen Jägern in der Gegend auf eine längere Jagdpause geeinigt, um die Ruhe im Wald nicht zu stören. Ruhe sei gut für die junge Wildkatzenfamilie, sagt auch Andrea Krug. „Aber Hauptsache, sie haben genug Möglichkeiten, sich zu verstecken.“ Nicht zuletzt vor dem Regen.

Von Anna Petersen