Mittwoch , 12. August 2020
Mit Schlauch und Waldbrandrechen: Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil probt bei Betzendorf die Bekämpfung von Waldbränden. Foto: phs

Wie man Waldbrände eindämmt

Lüneburg. Blaulicht zuckt über dem Waldweg, Rauch wabert über den Feldrand, 45 Feuerwehrleute legen Schläuche, eine Sperrwand aus Wasser steigt im Unterholz auf . Waldbrandinferno bei Betzendorf? Nein, nur Ministerpräsidenten-Fortbildung. Die erste Station seiner diesjährigen Sommerreise führte Stephan Weil (SPD) am Mittwoch in die Region Lüneburg. Und zu den im Wortsinne brennenden Fragen der Zukunft. Wie verkraften unsere Wälder den Stresstest des Klimawandels? Sind wir für häufigere Waldbrände gewappnet? Ministerpräsident Weil und Innenminister Boris Pistorius informierten sich aus erster Hand in der Waldbrandüberwachungszentrale in Lüneburg bei einer praktischen Vorführung von Wehren aus der Samtgemeinde Amelinghausen bei Betzendorf und bei einem Spaziergang im Waldgebiet „Süsing“.

„Bundesweit bestes Waldbrandfrüherkennungssystem“

Nicht ausgeschlossen, dass Sozialdemokrat Weil einige der frisch gewonnenen Erkenntnisse sogar in seiner parteipolitischen Arbeit verwenden kann. Niedersachsen verfüge über das „bundesweit beste Waldbrandfrüherkennungssystem“, betonte Helmut Beuke, Projektleiter der Waldbrandzentrale im Behördenzentrum. Nirgends sonst gelinge es, „Entstehungsbrände im Wald frühzeitig“ mittels automatisierter Kameraüberwachung zu lokalisieren. Die erste Voraussetzung, um eine erneute Katastrophe wie 1975 zu verhindern. Gezündelt wird auch in der Politik reichlich. Und bisweilen flackern auch nach wahren Flächenbränden – wie dem Wechsel in der SPD-Spitze Ende 2019 – immer wieder Glutnester auf. So mehren sich Berichte über Genossen, die über die seit einem halben Jahr agierende Doppelspitze aus Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken entsetzt sind. Als etwa die Parteichefin das Verhältnis der Sozialdemokraten zur Polizei mit der Bemerkung in Brand steckte, es gebe nicht nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland „latenten Rassismus in den Reihen der Sicherheitskräfte“.

„Im Klimawandel steigt die Waldbrandgefahr“

Wie man entstehende Waldbrände schon im Ansatz eindämmt, erprobte Stephan Weil dann bei Betzendorf. Mit dem „Waldbrandrechen“ zog er das als erstes entflammende Laub und Unterholz beiseite, ein Feuerwehrmann wässerte die Schneise. Hier hätten es Flammen schon schwerer, überzuspringen.

Wie kann man ein politisches „Entstehungsfeuer“ eindämmen? Nur im Team und mit einer Top-Ausrüstung – überträgt man die Lehren der Lüneburger Waldbrandbekämpfer auf die Polit-Ebene.

„Im Klimawandel steigt die Waldbrandgefahr“, sagte Weil in Saal 1 des Behördenzentrums, „das könnte deshalb auch ein schwieriges und wichtiges politisches Thema sein“. Weswegen sich der Landeschef auf die „Lehrstunde“ freute.

Zahl der Waldbrände nimmt zu

Nach der Lehrstunde durch Helmut Beuke, den stellvertretenden Forstamtsleiter Oerrel, durch Torben Schippers, den Leiter des auf Waldbrandbekämpfung spezialisierten 4. Zuges , der Gemeindefeuerwehr Amelinghausen, und durch Dr. Klaus Merker, den Präsidenten der Niedersächsischen Landesforsten, dürfte Weil den Konjunktiv gestrichen haben. Waldbrände sind ein politisches Thema.

Schon allein, weil sie nicht an Landesgrenzen haltmachen – anders als bisweilen die Zusammenarbeit. So meldet die niedersächsische Zentrale in Lüneburg den östlichen Nachbarländern jährlich Dutzende Brände – auch das verheerende Feuer in Lübtheen im vergangenen Jahr wurde zuerst auf den Monitoren im Erdgeschoss des Behördenzentrums entdeckt. Auf dem umgekehrten Weg kämen hingegen keine Hinweise. Weil sagte zu, das Thema bei den nächsten Konsultationen der Ost-Ministerpräsidenten anzusprechen.

Änderung der Grauwerte

Sinnvoll wäre das, denn der Trend ist im Moment kein Genosse. Weder bei den Wählerumfragen, die bei verheerenden 15 Prozent herumdümpeln, noch bei den Waldbränden. Letztere nehmen nämlich zu. Zählten die Lüneburger zwischen 2011 und 2017 jährlich im Schnitt 50 Einsatztage, waren es 2018 gleich 130, 2019 immerhin 100 und in diesem Jahr bereits 64 – „obwohl die brandgefährliche Erntesaison noch kommt“, sagte Beuke.

Mit den Feuerwachtürmen der Vergangenheit könnte den künftigen Herausforderungen nicht begegnet werden. „Kameras sind leistungsfähiger als das menschliche Auge, und unsere kommen aus der Weltraumforschung“, schwärmt Helmut Beuke. 17 Kameras der Art, die 2015 von der Raumsonde Rosetta aus den Kometen Tschuri fotografierte, beobachten den niedersächsischen Horizont, 177 in ganz Deutschland. Melden die Systeme bei den Fotos eine Änderung der Grauwerte, gucken die Profis aus der Zentrale drauf. „Zusätzlich zu unseren Mitarbeitern habe ich ein Rentner-Team ehemaliger Forstwirte“, berichtet Beuke. „Wenn bei mir der Puls noch hochgeht, winken die schon ab – ‚Ist nur Feldberegnung‘ –, Erfahrung ist halt durch nichts zu ersetzen.“

Klimawandel macht sich im Landeswald bemerkbar

Ein Frühwarnsystem, das brandgefährliche Twitter-Beiträge der Parteichefin frühzeitig erkennt, hätten manche Sozialdemokraten sicherlich auch gern.

Haben die automatisierten Kameras Rauch überm Wald angepeilt, kommen die Wehren ins Spiel. Männer wie Torben Schippers, der mit seinen 44 Kameraden ein beeindruckendes Szenario im Wald aufgebaut hat. „Und ich war beim Brand der IGS Embsen noch nicht mal im Einsatz, einige der anderen aber schon.“ Auch die Drohne, die schwungvoll über dem Kopf des Ministerpräsidenten aufsteigt, wurde in Embsen eingesetzt, entdeckte Glutnester im Dachgebälk. „Was für ein Aufriss!“, raunte Schippers einem Kameraden angesichts des Parcours im Wald zu. Doch der Einsatz hat sich gelohnt, zeigte sich der Ministerpräsident doch beeindruckt von den 33 Jahre alten Unimogs, die auch quer durch Schonungen fahren können oder dem moderneren Fahrzeug, das den Weg, auf dem es fuhr, wässerte, während es zur Seite hin „löschte“.

Anders als in der Politik war hier zwangsläufig ein Feuer, weil Rauch aufstieg. Die Schwaden waren von der Feuerwehr künstlich erzeugt worden, um das Szenario realistisch zu gestalten.

„Klima-Aktien Wald“

Realität ist schon, dass der Klimawandel sich im Landeswald seit drei Jahren konkret bemerkbar macht, erfuhr Stephan Weil im „Süsing“. Starkregen, Stürme, Dürren, Brände und der den Klimawandel liebende Borkenkäfer haben erbarmungswürdige, kahle Waldflächen entstehen lassen. Ende 2019 sollten etwa 10.000 Hektar wieder aufgeforstet werden.

Weil sich immer wieder Bürger an die Landesforsten mit der Bitte wenden, etwas zur Aufforstung beitragen zu wollen, starten diese nun – unter Schirmherrschaft von Weil – die „Klima-Aktien Wald“. Unter anderem können Vereine, Firmen und Einzelpersonen eine „Klimaaktie“ im Mindestwert von zehn Euro erwerben. Je eingenommener 10 Euro werden drei Quadratmeter Wald in geschädigten Flächen neu angelegt. Die Unterstützer erhalten darüber eine Urkunde. Infos unter: www.klima-aktion-wald.de.

Eine Klimaaktie wurde am Mittwoch auch an Schirmherr Weil übergeben. Noch nicht erkennbar ist, ob die SPD mit einer vergleichbaren Welle der Hilfsbereitschaft rechnen kann.

Von Joachim Zießler