Donnerstag , 1. Oktober 2020
Simon Coutelle leitet in Marienau unter anderem Arbeitsgemeinschaften und unterstützt Schüler bei den Hausaufgaben. (Foto: t&w)

Vermittler zwischen den Kulturen

Marienau. Raus in die Welt. Das ist der Traum vieler junger Menschen. Und nicht wenige zieht es dabei an den Ort zurück, den sie kürzlich erst erfreut verlassen haben: die Schule. Simon Coutelle ist einer von ihnen. Seit August vergangenen Jahres ist der 22-jährige Franzose zu Gast am Internatsgymnasium Marienau, unterstützt dort als Freiwilliger den Alltag der Kinder und Jugendlichen. Der Lüneburger Verein VIA hat es möglich gemacht.

„Ich habe zum einen die Sprache sehr gut gelernt, zum anderen aber auch für mein Leben einen neuen Weg gefunden.“
Simon Coutelle

Seit 1992 existiert die unabhängige Organisation mit ihren weiteren Standorten in Berlin und Leipzig bereits, hat sichdabei das Ziel gesetzt, Aufenthalte in Form von Freiwilligendiensten, Praktika und in Gastfamilien im In- und Ausland zu vermitteln. „Mit unserer Arbeit bauen wir Brücken zwischen verschiedenen Kulturen, zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher Ansichten, Werte und Sprache“, erklärt Mareike Quast, bei VIA für das Europäische Solidaritätskorps (ESK) zuständig.

Freiwillige kamen auch aus Indien oder Uganda

Vor einigen Jahren ist der Verein in das europäische Programm eingestiegen, „es wird von der EU gefördert und unterstützt dabei diejenigen, die ihren Dienst innerhalb Europas verrichten
29 mit Fördergeldern, unter anderem für Sprachkurse und Seminare“, erklärt die studierte Kulturwissenschaftlerin, „Simon ist auch über diesen Weg gekommen.“

Für Marienau ist er in dieser Hinsicht der Erste – abgesehen davon aber nicht. Indien, Kenia, Uganda und Kamerun – die Liste der Herkunftsländer der bisherigen Freiwilligen an der Schule ist bunt. Sabrina Panning-Ternes, am Internat unter anderem für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, erklärt die Inspiration der Einrichtung: „Unser Ziel ist es seit jeher, die Welt zu uns zu holen“, sagt sie, „das machen wir mithilfe der Schüleraustausche, setzen dieses aber konsequenterweise bei den Älteren seit einiger Zeit nun fort.“

Eingesetzt werden die jungen Erwachsenen als Springer, sie betreuen als zusätzliche Kraft einen Wohnbereich, sind bei der Unterstützung der Hausaufgaben aktiv, leiten nachmittägliche Arbeitsgemeinschaften im sportlichen Bereich oder leisten Fahrdienste zum Arzt oder Bahnhof. Mareike Quast betont: „Dabei ist es immer wichtig, dass der Hintergrund des Freiwilligendienstes richtig verstanden wird, denn eine Arbeitskraft dürfen die Ehrenamtlichen nicht ersetzen.“

Er will kein Lehrer werden

Vielmehr sollen sie ihrerseits auch vom Aufenthalt profitieren – was Simon für sich bestätigen kann: „Ich habe zum einen die Sprache sehr gut gelernt, zum anderen aber auch für mein Leben einen neuen Weg gefunden“, erklärt der 22-Jährige. Und das war das Ziel: Noch während der begeisterte Tischtennisspieler in Le Mans Sport auf Lehramt studiert hat, kamen ihm Zweifel an seiner späteren beruflichen Orientierung. „Ich wusste nicht, ob das der richtige Weg ist“, sagt er, „und wollte Zeit und neue Erkenntnisse gewinnen“. Die sind ihm mittlerweile gekommen.

Lehrer, das steht für ihn nun fest, möchte er nicht werden, vielmehr in den sozialen Bereich gehen: „Mein Wunsch wäre es, mich um soziale Integration von Migranten zu kümmern, und das am besten in Verbindung mit Sport“, sagt Simon Coutelle. Vermittler zwischen den Kulturen zu sein – das ist es, was den jungen Franzosen reizt. In Marienau hat er diese Aufgabe bereits erfolgreich erfüllt.

Mindestalter 18 Jahre

Der Verein für internationalen und interkulturellen Austausch (VIA) vermittelt Aufenthalte im In- und Ausland. Ob Freiwilligendienste, längere oder kürzere Praktika, selbst die Vermittlung von Gastfamilien organisiert der Verband. Zielgruppen sind Schulabsolventen, Auszubildende oder Studenten, mindestens 18 Jahre alt müssen die Teilnehmer sein. Die Ziele und Möglichkeiten sind vielfältig: In der Regel engagieren sich die Freiwilligen in sozialen Einrichtungen weltweit, müssen dafür unter Umständen einen Teil der Kosten vorab durch Spenden einsammeln. Der Rest wird durch Fördergelder finanziert. Vermittelt werden aber auch Interessenten nach Deutschland.

Ob in Kindertagesstätten, Schulen oder Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen – wer gemeinnützig beziehungsweise gemeinwohlorientiert ist, kann unter bestimmten Voraussetzungen einen internationalen jungen Menschen aufnehmen. Weitere Informationen unter www.via-ev.org.

 

Von Ute Lühr