Montag , 21. September 2020
Heike Gundermann und Stephan Cohrs freuen sich über die Sanierung des Herrenpfründnerhauses, für das jetzt Mieter gesucht werden. (Foto: t&w)

Herrlich krumm und schief

Bardowick. Ein Stück Mittelalter bleibt im Herzen Bardowicks lebendig. Schon seit 2009 laufen Arbeiten für den Erhalt der Gebäude auf dem Nikolaihof. Dieser ist das am besten erhaltene mittelalterliche Lepra-Hospital im deutschsprachigen Raum. Die Anlage, die nach Eindämmung der Lepra zu einem Altersheim wurde, befindet sich im Besitz der Stiftung St. Nikolai. Sie wird von der Hansestadt Lüneburg verwaltet.

Neben der Kapelle von 1311, dem alten Männerhaus von 1316 und dem neuen Männerhaus (um 1700), in denen inzwischen die Bücherei der Samtgemeinde Bardowick eine neue Heimstatt gefunden hat, und dem Frauenhaus aus dem 18. Jahrhundert erstrahlt jetzt das nächste Gebäude in neuem Glanz: das sogenannte Herrenpfründnerhaus aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, zentral gelegen im Kleinod, in unmittelbarer Nachbarschaft von Gotteshaus, Männerhäusern und Frauenhaus.

Die beiden Hälften des Herrenpfründnerhauses wurden seit 2017 denkmalgerecht unter Regie der Stadt Lüneburg instand gesetzt. Wände und Mauern sind aber zum Teil nach wie vor krumm und schief. „Das ist Teil unseres Konzeptes. Aber wir haben die Statik des Gebäudes selbstverständlich stabilisiert“, sagt Stephan Cohrs, technischer Leiter der städtischen Gebäudewirtschaft.
Zudem haben die Maurer alle brauchbaren originalen Backsteine wiederverwendet bei der Instandsetzung. „Einige Ziegelsteine mussten jedoch neu gebrannt werden“, berichtet Cohrs. Nach historischem Vorbild. Und ein neues Dach gab es für das Gebäude obendrein.

Wohnungen für Bedürftige

Schon bald zieht in dieses wieder Leben ein. Die Stiftung St. Nikolai vermietet nämlich die beiden Zweizimmerwohnungen, die größere mit 52 Quadratmetern für 450 Euro warm, die kleinere mit 37 Quadratmetern für 324 Euro.

Die künftigen Mieter haben Voraussetzungen zu erfüllen, die der Stiftungszweck vorgibt. Sie müssen mindestens 60 Jahre alt und bedürftig sein, einen Wohnberechtigungsschein nachweisen und vorzugsweise aus Lüneburg kommen. Derzeit gibt es 17 solcher Wohnungen auf dem Nikolaihof.

Bei der Sanierung des Herrenpfründnerhauses gab es eine dicke Überraschung. Das Unternehmen, das mit der Entkernung beauftragt war, stieß auf eine fast vollständig erhaltene sogenannte Hypokaustenheizung, eine mittelalterliche Heißluftheizung, die vor Jahrhunderten für warme Füße in der guten Stube gesorgt hatte.

„Ein sehr seltener Fund“, sagt Stadtbaurätin Heike Gundermann. „Diese Heizungen gab es im Mittelalter eigentlich nicht in so kleinen Gebäuden, vielmehr wurden sie etwa nur in Rathäuser eingebaut.“ Die Pfründner, die einst ihren Lebensabend in dem Haus verbrachten, seien zwar alt gewesen, brachten aber offenbar genug Kapital mit für den Bau der Heizung, vermutet Stephan Cohrs.

Erste urkundliche Erwähnung im Jahr 1251

Diese legen Handwerker komplett frei, machen sie begehbar, sodass sich Besucher des Nikolaihofes künftig diese Rarität anschauen können. „Den Raum mit der Heizung haben wir von den Wohnungen separiert“, sagt Gundermann. „Es ist ja niemandem zuzumuten, dass ständig Fremde durch die Stube laufen, um sich die Heizung anzugucken“, ergänzt Cohrs.

Erstmals urkundlich erwähnt wird die Lüneburger Enklave auf Bardowicker Boden im Jahr 1251 als ,,Haus der armen Kranken“. Der Nikolaihof erstreckt sich über eine Fläche von etwa fünf Hektar und schlummerte lange Zeit in einem Dornröschenschlaf. Das alte Gebäude-Ensemble drohte zu verfallen.

Das hat sich geändert. Der Gesamtkostenrahmen für Sanierungen bis 2022 wird voraussichtlich 16,8 Millionen Euro betragen, der Förderbetrag aus dem Topf ,,Städtebauliche Denkmalpflege“ von Bund, Land und Kommunen liegt bei rund 6,5 Millionen Euro. Der Rest wird durch Eigenmittel der Stiftung St. Nikolai erbracht, Flecken und Samtgemeinde Bardowick beteiligten sich darüber hinaus finanziell an der Sanierung der Männerhäuser.

Als nächstes Projekt steht die Erneuerung des Pastorats an. Die Vorarbeiten in dem Gebäude aus dem 18. Jahrhundert laufen bereits. Fünf Wohnungen darin polieren Handwerker auf, heben den Standard deutlich an. „Der war bislang von minderer Qualität. Die künftigen Wohnungen bleiben dennoch einfach“, sagt Stephan Cohrs.

Deckenmalereien aus dem 16./17. Jahrhundert und alte Tapeten, vermutlich aus den 1950er-Jahren, sind bereits ans Tageslicht gekommen. „Einiges altes erhalten wir, aber wohl nicht in Gänze“, erklärt der Bauingenieur. Ende 2022 sollen die Wohnungen bezugsfertig sein.

„Wir haben noch nie so teuer saniert wie auf dem Nikolaihof“, sagt Stadtbaurätin Gundermann. „Aber der ist ja auch einzigartig und wir erfüllen die mittelalterliche Anlage mit neuem Leben“, freut sie sich über die Projekte Lüneburgs im Herzen von Bardowick.

Von Stefan Bohlmann