Dienstag , 20. Oktober 2020
Nicht immer präsentiert sich die Hauptstraße in Reppenstedt so entspannt wie auf diesem Foto. Foto: be

Mehr Gemeinsinn gefordert

Lüneburg. Wenn im morgendlichen Berufsverkehr die Autoströme auf den Hauptverkehrsachsen in Lüneburgs Westen zum Stoppen kommen, schaut manch Städter bisweilen mit kritischem Blick Richtung Vögelsen und Reppenstedt. Der Vorwurf: Eure Gemeinden wachsen, doch die Verkehrsprobleme haben wir. Aber stimmt das überhaupt? Und welche Anstrengungen unternehmen die beiden Nachbargemeinden, um Lüneburg nicht im Verkehr ersticken zu lassen? Eine Bestandsaufnahme.

„Ja, wir werden weitere Baugebiete ausweisen“, sagt Vögelsens Bürgermeisterin Silke Rogge. Bis 2035 soll es neben dem Wohngebiet Süderfeld III dann auch Süderfeld IV, V und VI geben. Dass damit zusätzlicher Autoverkehr erzeugt wird, ist Rogge bewusst. „Aber man muss es in Relation setzen“, sagt sie und verweist darauf, dass die vier Gebiete zusammen weniger Wohneinheiten haben werden als das geplante Neubaugebiet Am Wienebütteler Weg in Lüneburg mit seinen 400 Wohneinheiten allein. Mit anderen Worten: Lüneburg ist an den morgendlichen Staus nicht unbeteiligt.

Auch wenn eigene Verkehrskonzepte „schwierig zu gestalten und umzusetzen“ seien, die Hände in den Schoß legt die Bürgermeisterin dennoch nicht. Um den ÖPNV für die Vögelser attraktiver zu machen, hatte die Gemeinde von der KVG sogar zusätzliche Busfahrten gekauft und so den bis 2019 geltenden Stundentakt in Spitzenzeiten halbiert. Das habe nun aber der neue Nahverkehrsplan übernommen.

Verwaltungen sprechen miteinander

Entlastung bringe auch der Bürgerbus der Samtgemeinde Bardowick und der Bürgerbus des Landkreises, der von Gellersen kommend zum Bahnhof Bardowick führt. Ansonsten setze man wie die Hansestadt und die Umlandgemeinden auch auf Nutzung und Ausbau der Radwege.

Den Vorwurf, nur die eigenen Interessen im Blick zu haben, weist Rogge zurück. Vögelsen sei eingebunden in das Entwicklungskonzept der Samtgemeinde Bardowick, das auch Stadt und Kreis bekannt sei. „Und natürlich sprechen die Verwaltungen miteinander.“ Besonders intensiv zuletzt 2018, um im Zuge von Süderfeld III die Verkehrsprobleme im Westen zu diskutieren. Hauptziel: Vermeidung des motorisierten Individualverkehrs durch ÖPNV, Rad, Car-Sharing und Elektromobilität.

Dem kann Steffen Gärtner nur zustimmen. Doch auch der Gemeindedirektor von Reppenstedt weiß um den bergenzten Handlungsspielraum von Gemeinden in Sachen Verkehr: „Da ist sogar der Betrachtungsmaßstab einer Samtgemeinde noch zu klein.“ Reppenstedt wurde deshalb in das Verkehrskonzept der Samtgemeinde Gellersen eingebunden, das im Zuge des Siedlungsentwicklungskonzepts erstellt wurde. Grundtenor: Stärkung von überregionalen Radwegen, Rufbusanbindung am Bahnhof Bardowick und Ausbau des ÖPNV. „Ergänzend dazu kann ich mir aber auch einen Pendlerexpress vorstellen, eine schnelle Buslinie zum ZOB in Lüneburg.“

Thema „Westumgehung“

Dass auch Reppenstedt zusätzlichen Autoverkehr durch sein geplantes Neubaugebiet am Schnellenberger Weg produziert, will er nicht verhehlen, sagt aber auch: „Wir haben uns in den letzten Jahren extremst mit Neubaugebieten zurückgehalten.“

Zwar bestätigt auch Gärtner, dass Kreis, Stadt und Gemeinden beim Thema Mobilität im Gespräch seien, er sieht aber auch Verbesserungsbedarf: „Ich wünsche mir, dass das Denken nicht an den Gemeindegrenzen aufhört.“ Als Beispiel dafür nennt er die neue Fahrradstraße, die bis in den Hasenwinkel führt. „Leider aber hört sie jetzt da auf, wo es eigentlich anfängt, attraktiv zu werden.“ Denn hier beginnt das Stadtgebiet von Lüneburg.

Damit es wenigstens in Reppenstedt weitergeht, hat Gärtner einen Maßnahmenkatalog Radverkehr aufgestellt. Er soll nach der Sommerpause beschlossen „und dann abgearbeitet werden“.

Nicht nur in ihren Verkehrskonzepten ähneln sich Vögelsen und Reppenstedt, auch beim Thema Westumgehung sind sie sich einig. „Die Westumgehung würde die Gemeinde Reppenstedt und auch die Samtgemeinde Gellersen zerschneiden und die Zunahme des Pkw-Verkehrs weiter fördern, ohne die bestehenden Probleme zu lösen“, ist Gärtner überzeugt.

Silke Rogge sieht es ähnlich. Sie glaubt, dass damit sogar mehr übergeordneter Verkehr angezogen würde. „Außerdem müsste eine Westumfahrung sehr weitläufig führen, denn unmittelbar angrenzend an Hansestadt und Gemeinden gibt es den Grüngürtel-West.“

Von Ulf Stüwe