Donnerstag , 6. August 2020
Das Fenster der AWO wurde in der Corona-Kontaktsperrzeit zum Informationsschlupfloch. Migrationsberaterin Tanja Geilert nahm am Fenster dringend zu bearbeitende Briefe und Akten entgegen. Foto: t&w

Corona zwingt zu neuen Wegen

Lüneburg. Integration braucht in Zeiten der Seuche Flexibilität. Eine Erfahrung, die die Migrationsberaterinnen Christa Reimers, Natalia Bay und Tanja Geilert in der Corona-Krise gemacht haben. So öffnet das Fenster im Erdgeschoss der AWO in Lüneburg Migranten trotz Corona-Kontaktsperren den Weg zu effektiver Hilfe, wird der Hof zum Dolmetscherbüro. Und notwendig ist der besondere Einsatz. Wurden doch Zuwanderer ungleich härter getroffen, als die Gesellschaft in ein künstliches Koma gelegt wurde. Häufiger arbeitslos als Deutsche. Als Nicht-Muttersprachler im Homeschooling am Limit.

Die Kontaktsperre auch für Diakonie und AWO

Und dann waren auch noch die Türen, hinter denen Migranten sonst Hilfe fanden, plötzlich zu. Im Lockdown galt die Kontaktsperre auch für den Lebensraum Diakonie und die AWO. Zwei Wochen lang war alles wie gelähmt“, erinnert sich Tanja Geilert von der AWO. „Es war gespenstisch“, sagt Natalia Bay von der Diakonie über die Zeit, „als unser immer offenes Haus abgeriegelt war“.

Das kappte die Möglichkeit, schon den ersten Kontakt persönlich herzustellen. „Ungefähr die Hälfte unserer Klienten greift nicht zum Telefon, um einen Termin zu bekommen“, sagt Christa Reimers von der Diakonie, „sondern kommt direkt vorbei“. Die umgehend angebrachte, mehrsprachige Beschilderung neben den schweren Holztüren an der Adresse An den Reeperbahnen 1 half nicht jedem. „Manche sind sogar in ihren Muttersprachen Analphabeten“, sagt Natalia Bay.

Die beiden haben ihre Büros im zweiten Stock, deshalb blieb ihnen der Ausweg verwehrt, den Tanja Geilert fand. Ihr AWO-Büro, Auf dem Meere 41, liegt im Erdgeschoss. „So konnten Leute Dokumente, die wir brauchten oder bei denen wir helfen sollten, einfach durch das Fenster reichen.“ Später diente der gut gelüftete Hof als Konferenzraum. „Da haben wir sogar mit Dolmetscher zwei Meter Abstand halten können. Alle Beteiligten sind einfach froh, dass wir wieder im persönlichen Kontakt stehen.“

Großzügig bemessene Büros waren von Vorteil

Im Lebensraum Diakonie profitierten die Beraterinnen bei der Einhaltung der Abstandsregeln von großzügig bemessenen Büros, als ab dem 27. April Gespräche von Angesicht zu Angesicht wieder erlaubt waren.

Schon vorher bestehende Kontakte konnte Tanja Geilert „gut über Messengerdienste und Telefon halten“. Ihre Kolleginnen von der Diakonie würden dies lediglich über ihre jüngere Klientel sagen. „Ältere trauen sich Telefonate oft nicht zu, aus dem Gefühl heraus, vielleicht nicht verstanden zu werden.“

Dabei gab es viel zu bereden: So traf die Lähmung des Wirtschaftslebens Zuwanderer und Geflüchtete mit voller Wucht. Tanja Geilert: „Wer schon vorher einen schlecht bezahlten, prekären Job hatte und nun in Kurzarbeit muss, bekam zunächst 60 bzw. 67 Prozent von sehr wenig.“ Und viele standen plötzlich ohne Arbeitsstelle dar. Die niedersächsische Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit analysiert: „Durch die Corona-Krise ist die Arbeitslosigkeit im April zunächst auch bei geflüchteten Menschen sprunghaft angestiegen.“

Soziale Ungleichheiten wurden verstärkt

Ein Trend, der sich noch im Mai fortsetzte. „Ein Grund könnte darin liegen, dass die Branchen, in denen geflüchtete Menschen häufig eine Arbeit anstreben, im Mai nicht aufnahmefähig waren, wie z.B. die Gastronomie, der Handel oder die Zeitarbeit. Die Arbeitsmarktintegration Geflüchteter hat damit einen deutlichen Dämpfer erhalten.“

Die Lüneburger Arbeitsmarktstatistik weist im Juni für Ausländer eine Arbeitslosenquote von 20,3 Prozent auf, bei einem Bevölkerungsanteil in Niedersachsen von 9,4 Prozent. Für Tanja Geilert steht fest: „Wo es vorher soziale Ungleichheiten gab – egal, welche Herkunft die Menschen haben –, wurden diese durch das Virus verstärkt.“

Christa Reimers und Natalia Bay wurden nach der ersten Phase der Lähmung deutlich mehr Anträge und Briefe vorgelegt, bei denen sie helfen sollten. Bay: „Nachvollziehbar, schließlich gab es in den Behörden auch keinen Publikumsverkehr mehr.“ Etwas Positives hatte das für die Migrationsberaterinnen: „Unsere Ansprechpartner waren besser erreichbar und entspannter.“ Christa Reimers glaubt, dass die Funktion des Lebensraums Diakonie als „Brücke zwischen unserer Klientel und den Behörden nochmal sichtbarer wurde und deshalb mehr anerkannt wird.“ Sie hofft, dass die gute Zusammenarbeit nach Überwindung der Seuche fortbesteht. „Integration kann nur in Netzwerken bewältigt werden.“

Froh, wie die Regierung mit der Seuche umgeht

Selbstverständlich war auch Corona selbst von Anfang an ein großes Thema in der Migrationsberatung. Immer wieder hörte Tanja Geilert in der AWO dabei, „wie dankbar die Menschen sind, gerade in dieser Krise hier zu sein. Sie sind froh, wie die Regierung mit der Seuche umgeht, wie sie Verantwortung für die Bürger übernimmt.“

Schwierig ist es für Nicht-Muttersprachler, im Homeschooling die Verantwortung als Aushilfslehrer zu übernehmen. „Nicht alle sind mit PC oder Laptop ausgestattet“, sagt Natalia Bay. Auch die Schulen haben ihre Verantwortung sehr unterschiedlich wahrgenommen, hat Tanja Geilert beobachtet. „Einige haben schnell die Schüler, die auf Anrufe nicht antworteten oder nicht daheim arbeiteten, in die Notbetreuung geholt. Dazu wurde Nachhilfe auf digital umgestellt und bei Bedarf Tablets zur Verfügung gestellt. Andere waren hier eher zurückhaltend.“

In die eigenen vier Wände verbannt

Das Virus verbannte auch alle Teilnehmer von Sprachkursen in die eigenen vier Wände. Natalia Bay: „Mir sagte eine Frau: ‚Zuhause vergesse ich alles Gelernte‘.“ So verzögert ein Krankheitserreger Spracherwerb und damit Integration.

Ein Thema, das normalerweise breiten Raum in der Migrationsberatung einnimmt, wurde sofort ein Opfer des Virus: der Familiennachzug. „Das war sofort vom Tisch, weil die Botschaften auch dicht waren“, erinnert sich Natalia Bay. „Und das hat zum Teil verheerende Folgen“, ergänzt Christa Reimers und berichtet von einem Afghanen, dessen psychische Probleme sich dadurch verschlechtert hätten, dass er seit fünf Jahren vergeblich darum kämpft, dass seine Familie nachkommen kann. „In jedem Einzelfall sind es Dramen. Familien flüchten fast nie komplett, sondern meist geht der Gesündeste vor.“ Und im Moment raubt das Coronavirus den Hoffenden die einzige Perspektive, die sie hoffen lässt.

„Da muss sich bald etwas bewegen“, sagt Christa Reimers. „Ansonsten sitzt man nur hilflos dar. Das war zwar schon vorher oft so, aber durch Corona hat sich das noch verstärkt.“

Von Joachim Zießler