Samstag , 24. Oktober 2020
Der Elbdeich entlang des Radegaster Hakens. Das Waldstück Vitico, bei dem der Deich verlegt werden könnte, ist oben links zu erkennen. Foto: be

Mehr Platz für die Elbe

Bleckede. Ein Zuhause mit Blick auf Deich und Elbe – für viele Menschen ein großes Glück. Auch für Landwirte, die ihre Flächen – oft bereits seit vielen Generat ionen – hier haben, ist der nährstoffreiche Marschboden ein Geschenk. Aber Leben und Arbeiten an der Elbe heißt auch: den Launen der Natur ausgeliefert zu sein. Die nächsten Hochwasser werden kommen, und neben Deichverstärkungen und Erhöhungen gibt es ein weiteres wirkungsvolles Mittel, um den Hochwasserscheitel zu senken: der Elbe mehr Platz geben, wenn sie über ihre Ufer tritt.

Die Idee für das Radegaster Flurstück Vitico: Der bestehende Deich wird weiter ins Land verlegt. Seit 2016 fertigt der NLWKN (Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz) eine Machbarkeitsstudie dazu an, jetzt wurden die Ergebnisse dieser Studie, deren Träger der ­Artlenburger Deichverband (ADV) ist, bei einer Veranstaltung in der Turnhalle des Bleckeder Schulzentrums präsentiert.

„Die Vorfluter müssen gedreht werden“

Experten beleuchteten in Fachvorträgen einzelne Aspekte, Prof. Bernd Ettmer zeigte die Strömungsmodellierung und die hydraulischen Auswirkungen einer Deichrückverlegung (DRV) auf. Ein Ergebnis: Bei Hochwasser dreht sich die Fließrichtung des Grundwassers, das dann nicht mehr Richtung Elbe, sondern Richtung Hinterland fließt. „Die Vorfluter müssen gedreht werden, sodass das Wasser wieder Richtung Elbe fließt“, führte Dr. Carl Stoewahse aus. Gemeinsam mit Dr. Katinka Koll legte er auch die Eisgangproblematik dar. Um zu verhindern, dass sich Eisschollen im Vorland zu einer Schollenansammlung „verwirbeln“, muss sich das Wasser bewegen, so Koll. „Bei unseren Überlegungen legen wir immer die ungünstigsten Bedingungen und die maximalen Belastungen für den Deich zugrunde.“

Rund 100 Zuschauer waren gekommen, um mit den Experten zu diskutieren. Foto: t&w

Dennoch können nicht alle möglichen Szenarien berechnet werden. Beispiel: Was passiert, wenn Eisschollen aus dem Vorland auf den Deich treffen? – „Das kann man nicht berechnen“, so Stoewahse. Der Fachmann stellte drei Varianten einer DRV vor. Fazit: „Je größer die Rückverlegung, desto größer der Effekt.“ Variante 3 würde bis zu fünf Kilometer ins Hinterland verlegt.

„Bund ist nur an der Schifffahrt interessiert“

Rund 100 Zuhörer waren zu der fast fünfstündigen Veranstaltung gekommen und nutzten die Gelegenheit, den Experten Fragen zu stellen. Ein Landwirt aus Garze: „Warum wird der bestehende Deich nicht höher und größer gebaut? Dann kann die Trasse bestehen bleiben.“ Auch diese Variante 0 sei „nicht ausgeschlossen“, so Heiko Warnecke vom NLWKN.

„Warum wird die Elbe nicht wie früher regelmäßig ausgebaggert, um der fortschreitenden Versandung entgegenzuwirken?“, lautete eine weitere Frage. Während Katinka Koll bezweifelte, dass diese Maßnahme überhaupt Wirkung auf den Wasserstand zeigen würde, machte Warnecke deutlich: „Dafür sind wir nicht zuständig, sondern der Bund. Und der bleibt untätig, der Bund ist nur an der Schifffahrt interessiert.“ Ansgar Dettmer, Geschäftsführer des ADV betonte: „Das ist ein Kampf gegen Windmühlen.“

Siebenköpfiges Gremium

Einig waren sich alle Beteiligten: Nur gemeinsam und auf der gesamten Strecke von Geesthacht bis Hitzacker können abgestimmte Maßnahmen sinnvoll und effektiv umgesetzt werden, also in Zusammenarbeit mit Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Hartmut Burmester, Deichhauptmann des ADV, stellte auch klar: „Enteignungsmaßnahmen wird es unter meiner Führung im ADV nicht geben. Darauf haben Sie mein Wort.“ Denn eine Deichrückverlegung bedeutet auch, dass Landwirte ihre Flächen dafür hergeben und im Tausch Ersatzflächen erhalten.

Ob die neuen Flächen die alten ertragreichen Flächen aber ersetzen können, ist fraglich. „Sie nutzen die wertvollsten Flächen von Radegast“, lautete der Kritikpunkt einer Anwohnerin aus Radegast. Es geht also auf der einen Seite um Existenzen, auf der anderen um Sicherheit. Gleichwohl soll ein gemeinsamer Weg gefunden werden, das betonte nicht zuletzt Bleckedes Bürgermeister Dennis Neumann. Deshalb hat sich ein siebenköpfiges Gremium gegründet, in dem auch Kritiker des Projektes sitzen, das am Montag erstmals tagte.

Von Silke Elsermann