Samstag , 24. Oktober 2020
Ein Karton voller Karten: Helmut Rümelin hat sie alle aufbewahrt, aber nie geantwortet. (Foto: phs)

Herr Rümelin räumt auf

Lüneburg. Diese Geschichte beginnt, wie die meisten in Helmut Rümelins Leben, mit einem Foto. Er ist noch völlig außer Atem von dem beschwerlichen Balanceakt zwischen Haustür und Bürostuhl, da knipst er schon drauflos: ein Bild von der Reporterin für ihr Familienalbum, eins für sein Archiv. „So oft kommt doch kein Besuch“, erklärt der 90-Jährige. Noch immer schnauft er. Aber er wollte sich ja nicht stützen lassen. Er wollte sie wie immer allein schaffen, die zehn Meter bis zum Schreibtisch. Seit die Ohren nichts mehr so recht hören wollen und die Beine auf halber Strecke zum Rathaus versagen, sind 90 Jahre nicht mehr bloß eine Zahl, sondern auch ein Zustand. Wahrlich kein schlechter, aber einer, in dem man die Momente festhalten muss, bevor sie in Vergessenheit geraten.

Es ist schon eine Weile her, da war sein tägliches Ziel der Lüneburger Marktplatz. Dort saß Helmut Rümelin fast jeden Vormittag auf der Bank vor Karstadt und studierte die Gesichter der vorbeiziehenden Menschen – immer auf der Suche nach dieser speziellen Miene, die die Touristen haben, wenn sie den Weg vom Bahnhof bis ins Zentrum gelaufen sind „und sich dann fragen: Ist das die Altstadt?“

Denen half er auf die Sprünge. Für solche Fälle hatte er immer ein paar Fotobücher dabei – mit eigenen Aufnahmen von allem, was man in Lüneburg gesehen haben muss, Insidertipps inklusive. „Ich hab den Leuten immer gesagt: Bedanken sie sich nicht. Schicken sie mir eine Karte von dort, wo sie leben“, erklärt der Senior. Er wollte eigentlich auch noch eine Anekdote erzählen, es fällt ihm nur gerade keine ein. „Schrecklich ist das“, flucht Rümelin und reibt sich die Stirn. „Wenn die Worte einfach weg sind.“ Oder die Erinnerungen. Oder beides.

Herr Rümelin, warum fotografieren Sie?
Helmut Rümelin: „Um die Dinge festzuhalten: das Schöne, das Interessante, das Auffällige.“
Sie meinen das Leben...
„Oder die Vögel draußen vor dem Fenster. Aber die sind immer schon weg, wenn ich auf den Auslöser drücken will. Die sind viel flinker als ich.“
Was kommt, wenn Sie Ihr letztes Foto geschossen haben?
„Gute Frage. Wenn ich erst anfange, darüber zu grübeln, weiß ich nicht mehr, was richtig und was wichtig ist. Also lass‘ ich es lieber bleiben. Ich habe nur Angst davor, mich zu quälen. Nicht so sehr vor dem Tod. Vielleicht laufe ich als Fliege herum und flachse. Das hab ich immer gern gemacht – vor allem mit meiner Frau.“

Als seine Frau vor elf Jahren verstarb, wurde es leiser in Helmut Rümelins Leben. Irgendwann fing er einfach an, draußen auf der Straße mit den Touristen zu scherzen. Das würde er noch immer tun, wenn sich hin und wieder welche in die Baumstraße verirren. Er würde ihnen gern ein Fotobuch in die Hand drücken, doch bevor er sie durch die weißen Spitzengardinen erspähen kann, sind sie auch schon wieder weg. Wie die Vögel vor dem Objektiv.

Darum stapeln sich die restlichen Bücher auf seinem Bürotisch – 100, vielleicht 150 Exemplare. Selbst gedruckt und mit Ringbindung versehen: Lüneburg von seiner schönsten Seite.
„Das ist mein größtes Problem“, murmelt Rümelin. „Die müssen weg.“ Aber gerade weiß er nicht so recht, wohin damit. Eine Weile hat er die Bücher in einem Korb vor seiner Tür drapiert, aber niemand griff zu. Dann wollte er sie der Bundeswehr anbieten – für die Soldaten im Ausland. Aber dort habe sich niemand zurückgemeldet. Der Stapel ist ihm ein Dorn im Auge. Gerade jetzt, wo er doch so viel ordnen will. So viel loslassen von dem, was er all die Jahre festgehalten hat. Fotos, die keiner anschaut, sind keine Erinnerungen. Und die Leute sollen sich doch erinnern – an ihn und Lüneburg.

2018 hat das 146 Mal geklappt. Es muss das letzte Jahr gewesen sein, in dem Rümelin auf seiner Bank vor Karstadt saß. So genau weiß er das nicht mehr. Aber da endet die Liste, auf der alle Orte vermerkt sind, aus denen die Karten verschickt wurden. Die Touristen schrieben aus Deutschland, Schweden, Dänemark und Ecuador. Die Österreicher hätten ihm zu Weihnachten Wiener Zuckerbonschen geschickt, erzählt Rümelin. Und von den Holländern gab‘s den Holzpantoffel fürs Schlüsselbund, der jetzt an seiner Schreibtischlampe baumelt. Keiner von ihnen hat jemals eine Antwort erhalten.

Er habe es eben nicht so mit den Worten, sagt Rümelin und zuckt entschuldigend mit den Schultern. Dann erzählt er, wie er mit 15 die Schule verweigerte und auszog, um Landwirt zu werden. Dass der Vater streng war und die Schule Quälerei. Wie er dann von einem Hof zum nächsten zog. In der Trümmerlandschaft. Zwischen Krieg und Hoffnung. Auf der Suche nach einer Perspektive, die er schließlich doch nicht auf dem Acker fand – sondern bei der Hamburger Polizei.

Das hat er alles zu Papier gebracht, allerdings nur für die Familie. Die habe ihm damit in den Ohren gelegen: Töchter, Sohn und Enkelkinder. Bis sich Rümelin vor ein paar Monaten einen Ruck gab, sich an seine Schreibmaschine setzte und einfach drauflos tippte: 500 Seiten, schätzt er. Jedenfalls einen ganzen Ordner voller Erinnerungen. „Wie ich anfing mit dem Schreiben, ging mir das ganz flott von der Hand“, sagt Rümelin. „Aber dann war wieder was weg im Kopf.“ Er streicht sich durch das weiße Haar und seufzt. Jedenfalls habe er darum auch Rückseiten beschrieben – immer dann, wenn die Erinnerungen später wiederkamen. Damit am Ende nichts verloren geht.

Herr Rümelin, haben Sie einen Wunsch, den Sie sich noch erfüllen wollen?
„Wünsche? Ich hatte nie die Zeit, mir über so etwas Gedanken zu machen. Das liegt mir nicht. Ich hatte doch immer andere Sorgen: Geld verdienen für das Haus zum Beispiel. Und für die Kinder. Die habe ich rückblickend viel zu selten gesehen. Manchmal denke ich, wir hätten doch noch mit dem Rad in die ehemalige Ostzone fahren sollen. Nochmal richtig laufen können, das wär‘s!“

Helmut Rümelin hatte mal einen Rollator, aber der habe sich auf dem Lüneburger Kopfsteinpflaster nicht bewährt. Er kann schlecht hören, aber Hörgeräte kann er nicht leiden. „Warum muss ich denn was hören, wenn ich keinen Besuch habe?“ Eine Brille aber brauche er – schon allein für die Kamera und die Karten im Briefkasten. Die kommen jetzt immer seltener. Hin und wieder gibt es ein paar Nachzügler, die sich noch Monate später an ihn erinnern und schreiben, dass die Begegnung mit ihm schon etwas Besonderes gewesen sei.

„Da lesen sie mal, was für ein Mensch ich bin“, sagt Rümelin, als er der Reporterin zum Abschied den Karton voller Karten in die Hand drückt. Dann hievt er sich aus seinem Schreibtischstuhl, stützt sich auf den Stapel Fotobücher und hangelt sich wieder bis zur Tür. Das kann man ihm nicht ausreden. Das ist Helmut Rümelin.

Von Anna Petersen