Montag , 19. Oktober 2020
Die Frage ist: Werden die Pflanzen ihre Körner noch komplett ausbilden und füllen können? (Foto: phs)

Die Sorge wächst

Lüneburg/Neu Wendischthun. Die Ährenspitzen sind zu gelb, die Körner zu klein: Wenn Johanna Nunnemann in diesen Tagen ihre Weizenbestände kon trolliert, ist die Sorge ihr steter Begleiter. „Da es bei uns seit April fast nie geregnet hat, haben wir keine hohen Erwartungen an die diesjährige Ernte“, sagt die 38-jährige Landwirtin aus Neu Wendischthun. Das treffe sie hart, denn: „Mit dem Geld wollten wir den schlechten Milchpreis ausgleichen.“ Weniger als 30 Cent bekommt sie aktuell pro Liter. Und das Getreide, so glaubt sie, werde die Bilanz am Ende wohl kaum retten können. In drei bis vier Wochen will Nunnemann einen Lohnunternehmer über ihre Gerstenfelder schicken. Die Gerste sieht besser aus als der Weizen. Die Gerste muss es richten.

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Millionen Tonnen Getreide sind im vergangenen Jahr auf den 828 500 Hektar Anbaufläche in Niedersachsen geerntet worden.

Die Mähdrescher werden fit gemacht, die Landwirte stehen in den Startlöchern: Thorsten Riggert, Vorsitzender des Bauernverbands Nordostniedersachsen (BVNON), geht davon aus, dass viele seiner Berufskollegen bereits in der kommenden Woche mit der Getreideernte beginnen werden. Er rechnet mit „unterdurchschnittlichen“ Erträgen – ähnlich wie in den zurückliegenden zwei Sommern. Hitzestress habe den Pflanzen auch in diesem Jahr ordentlich zugesetzt. Zu wenig Niederschlag, begrenzte Wasserkontingente: „Viele Landwirte haben die Entscheidung treffen müssen, dass sie ihr Getreide wenig oder gar nicht beregnen. Das hat eben die entsprechenden Effekte.“ Wer neben Getreide auch Zuckerrüben, Kartoffeln oder Mais anbaut, habe in der Regel stärker in die Beregnung dieser Feldfrüchte investiert, sagt der Bauernverbandsvorsitzende. „Damit kann man mehr Geld verdienen.“

Das Problem mit der Trockenheit betrifft nicht nur die Bauern aus der Heideregion. Die Pflanzenbaufachleute der Landwirtschaftskammer (LWK) Niedersachsen stellen fest, dass die Getreidebestände landesweit in ihrer Entwicklung beeinträchtigt wurden. „Auf den anfangs durchnässten Äckern konnten viele Betriebe erst recht spät mit dem Düngen beginnen. Weil es anschließend nicht mehr viel regnete, war dieser Dünger oftmals noch nicht pflanzenverfügbar. Dadurch konnten sich viele Kulturen nicht optimal weiterentwickeln“, heißt es von der Kammer. Für den Winterweizen werde der Witterungsverlauf der kommenden Wochen entscheidend sein.

Kaum Hoffnung auf ausreichend Regen

Die große Frage ist, ob die Pflanzen ihre Körner noch komplett ausbilden und füllen können. LZ-Wetterexperte Reinhard Zakrzewski jedenfalls prognostiziert für die kommenden zehn Tage wechselhaftes Wetter mit Temperaturen zwischen 18 und 20 Grad und kleineren Regengüssen. Lediglich am Wochenende könnte die 23-Grad-Marke geknackt werden. Riggert hat aber kaum Hoffnung, dass die gelegentlichen Niederschläge ausreichen werden, um noch auf ein zufriedenstellendes Ernteergebnis bei Winterweizen und Sommergerste zu kommen.

LWK-Angaben zufolge wurden im vergangenen Jahr in Niedersachsen auf 828 500 Hektar Anbaufläche gut sechs Millionen Tonnen Getreide geerntet, das waren 28 Prozent mehr als im außerordentlich ertragsschwachen Dürrejahr 2018. Der Durchschnittsertrag über alle Getreidearten betrug demnach 72,5 Dezitonnen je Hektar. Johanna Nunnemann geht nicht davon aus, dass sie dieses Ertragsniveau in diesem Jahr erreichen wird. Sie rechnet auch nicht damit, dass der Milchpreis in absehbarer Zeit in die Höhe schießt. Sie hofft. Auf Regen.

Von Anna Petersen