Donnerstag , 1. Oktober 2020
Auch der Wilseder Schäfer Jürgen Funck berichtet von Begegnungen mit Wölfen in der Heide. (Foto: VNP)

Angst vor dem Wolf in der Heide

Niederhaverbeck. Die Angst vor dem Wolf geht in der Lüneburger Heide um. So schlagen jetzt die Heideschäfer der VNP Stiftung Naturschutzpark Alarm. Unter der drastischen Überschrift „Angst um unsere Tiere und uns selbst“ spricht die VNP Stiftung in einer Pressemitteilung von einer Eskalation der Situation und fordert: „Um die Freilandtierhaltung sowie die Pflege und Entwicklung der historischen Kulturlandschaft im Naturschutzgebiet Lüneburger Heide nachhaltig gewährleisten zu können, ist eine Regulierung der Wölfe unerlässlich.“

„Wir sind an einem Eskalationspunkt angelangt, der unsere Schäfer zwingt, ihre Tiere unter Einsatz von Leib und Leben zu schützen.“
Barbara Guckes, VNP Stiftung

Das sieht die Gesellschaft zum Schutz der Wölfe anders. Sie setzt auf wirksame Schutzmaßnahmen für Nutztiere in der Heide. Dadurch könne auf den Abschuss von Wölfen verzichtet werden. Das betont sie unter anderem in ihrer Stellungnahme zum Entwurf über die Änderung der Verordnung über das Naturschutzgebiet „Lüneburger Heide“ in den Landkreisen Heidekreis und Harburg.

„Ein Verbot wirksamer Herdenschutzmaßnahmen hat mit hoher Wahrscheinlichkeit vermehrt Übergriffe durch Wölfe zur Folge, die dann am Ende zur Entnahme von Wölfen führen werden.“ Und genau diese Verbote befürchtet die Organisation im Naturschutzgebiet, wenn der Entwurf nicht nachgebessert wird.

Schutz von Weidetieren eine Notwendigkeit

Wie auch die VNP Stiftung kritisiert die Gesellschaft vor allem das in der Begründung zu Paragraf 3 benannte Ziel: „Sofern es zu Zielkonflikten zwischen der Weidetierhaltung und anderen Zielen des Naturschutzes oder Gesetzesgrundlagen wie beispielsweise dem Artenschutzrecht kommen sollte, müsste das Ziel der Nachahmung der Heidebauernwirtschaft gegebenenfalls zurückstehen. Beispielsweise ist es nicht Zweck der Verordnung, eine Wolfsentnahme durch die Erhaltung der Heidebauernwirtschaft zu rechtfertigen.“

Geht es nach der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe darf es so weit erst gar nicht kommen. Sie sieht eklatante Mängel in dem Entwurf der beiden Landkreise. Nicht nur, dass der Wolf als schützenwerte Tierart aufgenommen werden soll, die Wolfsschützer fordern auch, die Verordnung dahingehend zu ergänzen, dass auch Herdenschutzhunde im Dienst als anerkannt wirksame Schutzmethode unangeleint in der Heide eingesetzt werden dürfen.

Das sei bislang nicht vorgesehen. Aber: „Beim Vorkommen von Wölfen ist der Schutz von Weidetieren eine Notwendigkeit, die unter anderem vom Tierschutzgesetz gefordert wird“, heißt es in der Begründung.

„Vermittelte Romantik geht an der Realität vollkommen vorbei“

Darüber hinaus müsse es dann auch erlaubt sein, Wolfsschutzzäune im Naturschutzgebiet zu errichten. Auch das sei im aktuellen Entwurf nicht vorgesehen. „Ohne die Möglichkeit, der Situation angepasste wolfsabweisende Zäune zu verwenden, ist in Wolfsgebieten eine dem Tierschutz entsprechende Weidetierhaltung nicht möglich.“

Die eigenen Schäfer stehen in der ersten Reihe, wenn es um Begegnungen mit dem Wolf gehe, betont dagegen die VNP Stiftung Naturschutzpark. Der Wolf sei ein beeindruckendes Tier, aber die Romantik, die in der Öffentlichkeit vermittelt werde, gehe an der Realität vollkommen vorbei. Barbara Guckes (Leiterin der Schafhaltung beim VNP) unterstreicht: „Der Wolf genießt den höchsten Schutzstatus und breitet sich auf Kosten zahlreicher anderer Tierarten aus. Wir sind an einem Eskalationspunkt angelangt, der unsere Schäfer zwingt, ihre Tiere unter Einsatz von Leib und Leben zu schützen.“ Die Scheu der Wölfe auch vor dem Menschen habe sprunghaft abgenommen, seitdem eine unregulierte und ungehemmte Vermehrung des Wolfes geduldet werde, meint sie. „Um unsere Tiere schützen zu können, muss der Wolf den Menschen wieder als Feind wahrnehmen.“

Sie befürchtet: „Wenn die Schafhaltung in der Heide stirbt, wird auch die Landschaft sterben und mit ihr zahlreiche gefährdete Tierarten, die auf die Offenlandpflege durch Schafe angewiesen sind.“

Von Stefan Bohlmann