Freitag , 18. September 2020
Das geplante Baugebiet Rettmer-Nord. (Foto: be)

Tausch statt Enteignung

Lüneburg. Rettmer Nord brachte bei Karl Wurm und Erhard Veigel das Fass zum Überlaufen. Die beiden Lüneburger Vertreter des Umweltverbands Bund für Naturschutz Deutschland (BUND) sind empört, dass die Stadt noch ein weiteres Baugebiet ausweisen will. Mit ihrer ablehnenden Haltung schließen sie sich anderen Kritikern an, überraschend sind aber ihre darüber hinausgehenden Forderungen.

„Uns kocht die Galle!“, platzt es aus Karl Wurm heraus, „so kann es nicht weitergehen.“ Die Versiegelung immer neuer Flächen müsse ein Ende haben, sagt der Umweltkämpfer mit Blick auf das geplante Neubaugebiet Rettmer Nord. Dort soll ein Quartier mit rund 100 Wohneinheiten entstehen, ein entsprechender Aufstellungsbeschluss wurde von der Politik gegen die Stimmen der Grünen und Linken im Bauausschuss abgesegnet.

Zuzug soll begrenzt werden

Auch der BUND hatte sich bereits zu dem Thema geäußert und der Stadt wie berichtet „konzeptlosen Flächenfraß“ vorgeworfen. Bevor nicht das neue Stadtentwicklungskonzept vorliege, dürften keine neuen Bebauungspläne beschlossen, so die Forderung von Sibylle Wickbold vom Vorstand des BUND-Regionalverbands Lüneburg.

Wurm und sein Mitstreiter Erhard Veigel setzen dem nun noch eins drauf: „Wir wollen nicht, dass immer mehr Menschen nach Lüneburg ziehen.“ Eine organisch gewachsene Stadt habe ihre Grenzen, und die seien in Lüneburg inzwischen erreicht. Zwar habe Oberbürgermeister Ulrich Mädge selbst von einer Obergrenze von 80 000 Bewohnern gesprochen, „die aber inzwischen auf 85 000 erhöht. Und vermutlich peilt er schon 90 000 an“, argwöhnt Wurm.

Dass mit einem Baustopp die Preise auf dem Immobilien- und Mietermarkt wegen des anhaltenden Zuzugsdrucks vor allem aus dem Hamburger Raum in ungeahnte Höhe schnellen würden, räumen auch die beiden BUND-Vertreter ein. „Es soll ja weiter gebaut werden, aber nicht auf neuen Flächen, sondern in die Höhe“, sagt Erhard Veigel. „Wilschenbruch hätte nicht passieren dürfen. Die Menschen hätte man auch auf weniger Fläche unterbringen können.“

Statt immer mehr Einfamilienhäuser also ein zweites Kaltenmoor in Rettmer Nord? „Nein, wir sind gegen jede Form von Extremen“, sagt Veigel. Dass er selbst in einem Einfamilienhaus mit seiner Familie lebe, darin sehe der Adendorfer keinen Widerspruch. „Wir leben dort zu viert.“ Doch es mache keinen Sinn, dass Alleinstehende in einem Haus leben und drei- oder vierköpfige Familien sich mit einer Dreizimmerwohnung begnügen müssten.

Ein-Personen-Haushalte mit Familien tauschen

Wie das geändert werden kann, erklärt Karl Wurm: „Die Stadt sollte ermitteln, wie viele Eigenheime von nur einer Person bewohnt werden.“ Hier sollte es dann einen Austausch mit den Familien geben, die in beengteren Verhältnissen leben. „Damit wäre beiden geholfen.“

Von einer „Enteignung“ wollen beide nichts wissen, „das muss natürlich freiwillig geschehen, obwohl das Grundgesetz Enteignung zulässt“, betont Wurm. Ziel sei es, Grund und Boden endlich der Spekulation zu entziehen, „wir brauchen eine sinnvolle Wohnraumumverteilung“.

Überdies sollte die Stadt künftig ihr Vorkaufsrecht nutzen, wenn Grundstücke verkauft werden. Diese sollten dann der Lüwobau übergeben und für sozialen Wohnungsbau genutzt werden.
Neubaugebiete wie Rettmer Nord würden den Zuzugsdruck nicht lösen, sondern nur weiter befördern, „wie an der Anzeige eines Investors für das noch nicht genehmigte Baugebiet deutlich wird“, sagt Erhard Veigel. Die Politik sei nun gefordert, sich „vor allem für die hier Wohnenden und die Natur einzusetzen“.

Von Ulf Stüwe