Sonntag , 20. September 2020

Spiel mit dem Corona-Feuer

Lüneburg wandelt auf einem schmalen Grat – dem Corona-Grat. Ob Liebesgrund, Kreidebergsee oder Stint: Überall spielen Menschen mit dem Feuer, weil sie des Corona-Ausnahmezustandes überdrüssig sind. Das nun auch noch Blut vor einem Discounter fließt, weil ein Kunde seinen Mund-Nase-Schutz nicht tragen will, ist nur ein weiterer Beleg dafür, dass bei einigen die Nerven blank liegen.

An dieser Stelle gilt es genau zu unterscheiden. Liegen die Nerven blank, weil jemand von den Corona-Maßnahmen genervt ist, oder liegen die Nerven blank, weil jemand unter den Corona-Regeln leidet, seine Gesundheit oder Existenz bedroht sieht. Wer ersteren nachgibt und Regeln lockert, facht die lodernden Flammen der Ungeduld und Unvernunft nur noch weiter an. Wer letzteren hilft, bewahrt auch in den heißen Momenten der Krise einen kühlen Kopf.

Es geht nicht darum, bis zum Ende der Pandemie in eine Schockstarre zu verfallen. Wir alle sehnen uns nach ein wenig Normalität. Und natürlich sollte das Leben weitergehen. Doch sollten wir dabei zunächst nicht an uns selbst, sondern an diejenigen denken, die die Corona-Regeln am härtesten treffen. Sie sind es, die unsere Unterstützung brauchen, nicht diejenigen, die sich den Vor-Corona-Alles-ist-möglich-Zustand zurückwünschen.

Wie schnell sich das Blatt wenden kann, ist derzeit in den Kreisen Gütersloh und Warendorf zu beobachten. Und wer nun einwendet, dass die dortigen Verhältnisse nicht mit denen im Landkreis Lüneburg vergleichbar sind, sei an die Zeit Ende Februar erinnert. Damals wurde am Alpen-Ballermann Ischgl noch eifrig weitergefeiert, obwohl etliche Anzeichen dafür gesprochen hätten, den Party-Zirkus schnellstmöglich zu beenden. Stattdessen haben Ski-Urlauber das Coronavirus in Höchstgeschwindigkeit weiterverbreitet.

Die Frage, welche Maßnahmen tatsächlich nachhaltig gewirkt haben und welche überflüssig waren, wird wohl erst in Monaten, wenn nicht gar Jahren zu beantworten sein. Doch noch gilt es achtsam zu sein, die von vielen verspottete Maskerade mitzuspielen. Denn lieber trage ich einen Mund-Nasen-Schutz ohne dessen Wirksamkeit genau zu kennen, als ihn wegzulassen, um am Ende von der Erkenntnis eingeholt zu werden, dass es wohl doch besser gewesen wäre, andere und damit auch mich zu schützen.

Noch beteuern viele Verantwortliche, ein Nachlassen der Hygienedisziplin sei nicht zu erkennen. Doch wächst offenbar das Unbehagen. Eine LZ-Leserin schickte der Redaktion bereits eine E-Mail mit den Worten: „Das angehängte Gedicht zeigt: Die Menschheit hat nichts, aber auch gar nichts gelernt in den letzten 100 Jahren.“ Besagtes Gedicht handelt von der Spanischen Grippe und ist im Oktober 1920 in der Schweizer Satirezeitschrift „Nebelspalter“ erschienen. Beschrieben werden die Ereignisse der Pandemie vor rund 100 Jahren. Damals folgt der ersten eine zweite Welle – ausgelöst durch etliche Lockerungen der strengen Verhaltensregeln und Unachtsamkeit. Ein Auszug: „Die Grippe, die am letzten Loch schon pfiff, sie blinzelt leise. Und spricht: ,Na endlich, also doch!‘ Und lacht auf häm‘sche Weise. ,Ja, ja – sie bleibt doch immer gleich, die alte Menschensippe!‘“ Malte Lühr