Montag , 21. September 2020
Michael Hendel wollte eigentlich nur das Rohr seiner Küchenspüle reinigen lassen. Foto: t&w

Er hat den Kanal voll vom „Rohrfrei-Service“

Amelinghausen. Erneut haben vermeintliche Handwerker einen gutgläubigen Kunden abgezockt: Der Amelinghausener Michael Hendel ist jetzt Opfer einer mutmaßlichen Betrügerbande geworden, die ihm mehr als 800 Euro für die Rohreinigung seiner Küchenspüle abknöpfen wollte. Seinen Fall schildert er der LZ, um andere zu warnen. Hans-Dieter Wilhus, Leiter des Fachkommissariats für Wirtschaftskriminalität und Betrugsdelikte bei der Polizeiinspektion Lüneburg, gibt zudem Tipps, wie sich Kunden vor derlei Bauernfängerei schützen können.

Die Küchenspüle war verstopft, für Michael Hendel war klar: „Da muss ein Profi ran.“ Online suchte er nach „Rohrreinigung Lüneburg“, fand schnell ein Angebot für 39,90 Euro. Zu schön, um wahr zu sein. Er beauftragte die Firma über eine Handynummer. Hendel berichtet: „Erst wollte die Firma ihre Mitarbeiter um 12 Uhr vorbeischicken. Ich wurde dann am Telefon mehrfach vertröstet. Nach 17 Uhr waren die beiden dann da.“ Bevor die Handwerker ans Werk gingen, legten sie Hendel eine Auftragsrechnung zur Unterschrift vor: 40 Euro Anfahrtspauschale und 169 Euro für den Einsatz an einem Werktag. Hendel unterschrieb. Er sagt: „Später, als sie fertig waren, haben sie handschriftlich weitere Preise dazugeschrieben.“ Und die hatten es in sich.

„Vom angeblichen Chef habe ich micht am Telefon überreden lassen, zu zahlen.“ – Michael Hendel

Der größte nachträgliche Posten war der Einsatz einer Spirale, angeblich neun Meter lang, Kosten pro Meter 49,40 Euro. Die Abschlussrechnung belief sich auf 854,30 Euro. Auf der Rechnung stand noch der Vermerk „kein Eigenverschulden“, der Kunde könne sich das Geld von seiner Hausratsversicherung wiederholen, hieß es. Selbstkritisch sagt Hendel: „Vom angeblichen Chef habe ich micht am Telefon überreden lassen, zu zahlen.“ 400 Euro in bar, den Rest auf Rechnung.

Die beiden Männer verschwanden mit dem Geld. Bei einem nachträglichen Anruf bei der vermeintlichen Firma zur weiteren Klärung, wo beispielsweise das Unternehmen zu finden sei, wurde ihm die Adresse eines unbebauten Grundstücks in Salzhausen genannt, berichtet er. Hendel hat nun Anzeige bei der Polizei erstattet. Er ist kein Einzelfall.

Zur Sache

Eine reine Fantasierechnung

Die LZ bat den „Verband der Rohr- und Kanal-Technik-Unternehmen“ die Rohrreinigungsrechnung von Michael Hendel zu bewerten. Allein die angeblich eingesetzte Spirale von neun Metern Länge für ein Küchenspülbecken nennt Verbandsgeschäftsführer Ralph Sluke unrealistisch: „Was soll das denn für eine Villa sein? Normalerweise sind es bei einer Spüle bis zur nächsten Fallleitung nur ein paar Zentimeter.“

Schon drei Meter wären viel. Zudem liege der übliche Meterpreis für den Spiraleneinsatz im Schnitt nicht bei rund 50 Euro sondern zwischen zehn und 17 Euro. Ein realistisches Preisniveau für die normale Beseitigung einer Rohrverstopfung, ohne Notfallzuschlag, läge bei um die 150 Euro, sagt Sluke.

Wilhus ordnet den Fall ein: „Das ist ein klassisches Haustürgeschäft. Da kann die Kripo nur zur Vorsicht mahnen, wenn man übers Internet Handwerker sucht.“ Verbraucher sollten sich die Zeit nehmen, wenigstens die Firmenbewertungen im Netz zu suchen. Diesem Rat schließt sich auch Ralph Sluke an. Der Geschäftsführer des „Verbands der Rohr- und Kanal-Technik-Unternehmen“ mit Sitz in Kassel sagt auf LZ-Anfrage: „Klicken Sie bei der Suchmaschine nicht einfach auf die ersten fünf Werbe-Links, da verstecken sich häufig Betrüger. Oft landet man bei einer dubiosen Vermittlerfirma, die nur vorgibt, den Firmensitz vor Ort zu haben.“ Sind für den Kontakt nur Handynummern angegeben, sei doppelte Vorsicht geboten.

Wilhus sagt: „Bei Rohrverstopfung steht man unter Zeitdruck, und diesen Druck nutzen die Täter aus.“ Zudem weist er darauf hin: „Seriöse Handwerker schreiben den Kunden eine Rechnung mit Zahlungsziel von 14 Tagen. Das gibt die Zeit für Nachbesserungen, falls erforderlich.“ Auch das Bezahlen per EC-Karte vor Ort sei schlecht. „Oft gaukelt das EC-Gerät Kunden mehrfach vor, dass der Bezahlvorgang nicht geklappt hat. Tatsächlich wurde der Betrag dann aber schon dreimal abgebucht.“

Betrugsmasche auch in anderen Branchen

Zudem sollten Kunden sich von Handwerkern vorher ein verbindliches Angebot machen lassen und nicht nur einen Kostenvoranschlag. Sollte der vermeintliche Handwerker auf eine Barzahlung vor Ort drängen und drohen, sollten Betroffene die Polizei rufen, rät Wilhus.

Wilhus macht Hendel indes wenig Hoffnung, sein Geld wiederzubekommen. „Da muss er zivilrechtlich klagen. Wir kümmern uns nur um die Straftatbestände wie den versuchten Betrug.“ Die Ermittlungen liefen angesichts gefälschter Identitäten aber oft ins Leere. Laut Wilhus sind solche Betrugsmaschen auch in anderen Branchen zu finden. „Die Täter sind oft breit aufgestellt. An einem Tag pusten die Ihnen das Leitungsrohr frei und wenn sie am nächsten Tag bei derselben Handynummer anrufen, machen die Ihnen als Schlüsseldienst die Tür auf oder verscheuchen als Schädlingsbekämpfer die Ratten.“

Von Dennis Thomas