Samstag , 31. Oktober 2020
Nicole Riemenschneider (vorne rechts) hat mit ihrer Nia-Gruppe aus dem tanz!RAUM sichtbar Spaß am Mix aus Tanz, Kampfsport und Yoga. Foto: t&w

Was ist denn hier los?

Lüneburg. „Ist das nicht Lebensqualität?“, schwärmt Angelika Ratz und lässt ihren Blick über den Platz vor der Konzertmuschel im Lüneburger Kurpark schweifen. Dorthin, wo einige Frauen und Männer einzeln und mit Abstand begeistert zu Swing-Musik tanzen, Walking-Gruppen und Läufer immer wieder grüßend vorbeikommen und ein Chor die ersten Töne anstimmt. Mehrmals die Woche kommt Angelika Ratz hierher, um im Herzstück des Parks Boule zu spielen und die Stimmung aufzusaugen. „Wir sind vor sechs Jahren hergezogen, ich kannte sowas nicht. Hier ist der Rasen nicht gesperrt, hier ist Leben.“ Nicht nur an diesem Abend. Der Kurpark ist nach der Corona-Zwangspause mehr denn je in Bewegung.

„Wir sind so froh, dass es endlich wieder draußen los gegangen ist“, freut sich Sportwissenschaftlerin Janina Thießel, die sich mit ihrer Gruppe auf dem Rasen im hinteren Teil des Kurparks einen Platz gesucht hat. Seit vier Jahren bietet sie hier Outdoor-Fitness an. Zurzeit ist die Nachfrage besonders groß. „Es hat alle gedürstet, sich endlich wieder zu treffen und sich auszutauschen.“ Zum Reden aber bleibt heute Abend wenig Luft – Tabata ist angesagt, ein intensives Intervalltraining mit kurzen Phasen extremer Belastung und noch kürzeren Pausen dazwischen. Der Schweiß läuft.

Um aufwändige Hygiene-Maßnahmen zu umgehen, besteht das Training von Thießel fast ausschließlich aus Übungen mit dem eigenen Körpergewicht. Auch den nötigen Abstand zu halten, ist hier draußen kein Problem. „Es ist genial, und wenn wie jetzt die Sonne scheint, ist man noch motivierter“, erklärt Teilnehmerin Francis Driessen, die es auch genießt, dass ihre Gruppe nicht allein auf der Wiese ist. „Wir grüßen uns inzwischen und arrangieren uns beim Verteilen auf dem Rasen.“

Abendsonne spornt zum Schwitzen an

Heute ist auch Nicole Riemenschneider mit ihrem Nia-Kurs im Park. Zur Musik verbinden sie und ihre Teilnehmerinnen Tanzen, Kampfsport und Yoga-Elemente. Die Frauen sind mit Begeisterung dabei. „Je nach Wetter bin ich spontan hier. Für mich ist es die einzige Chance, meinen Laden am Laufen zu halten“, gibt die Besitzerin des Lüneburger tanz!RAUM zu bedenken. „Die Auflagen für drinnen sind so streng, dass ich wenig machen kann. Ich kämpfe ums Überleben.“ Die Stimmung am Abend saugt auch sie besonders gerne auf: „Ich liebe es, dass unser Kurpark so belebt ist. Allerdings würde ich mir mehr Mülleimer wünschen.“

Was des einen Freud ist, ist des anderen Leid: So findet Maren Scheible vom Lüneburger Karate- und Taiji-Verein Kensho durch die Musik anderer Gruppen im Kurpark nicht immer die nötige Ruhe für sich und ihre Teilnehmer. „Es ist schwierig, ich würde mir mehr gegenseitige Rücksicht wünschen. Wir sind schon das schwarze Schaf hier, wenn wir was sagen“, erklärt die Trainerin, die an diesem Abend Taiji anbietet, eine alte Kampf- und Bewegungskunst. „Sie ist ruhig, aber kraftvoll und besteht aus sehr langen Formen, die man ewig hält und sehr meditativ sind.“ Über die Möglichkeit, hier trainieren zu können, ist Maren Scheible begeistert: „Das ist schon sehr moderat von der Stadt, das schätzen wir sehr.“

Bewegungstherapie mit Nordic Walking

Von den Studenten der Leuphana, die auf der Rasenfläche vor dem Ententeich beim Salsa die Hüften schwingen, hören sie derweil nichts. Nach der neuen Lockerung, dass sich wieder mehrere Menschen treffen dürfen, sind die vier Tanzpaare erstmals in den Kurpark gekommen. Einige tanzen barfuß durchs Gras. „Wir gehen dahin, wo Platz ist“, sagt Tim Schampel, „und bis auf die Entenkacke ist es super.“ Seine Tanzpartnerin Eva Tesch hat den Salsa in Spanien gelernt und schwärmt: „Er strahlt Lebensfreude aus.“ Das lockt an. „Vorhin waren Leute vom Tango da und haben einfach mitgemacht.“ Für Zuschauer sorgen auch Wladimir Specht und seine Freunde Moritz und David Hoffmann, wenn sie mit dem Kickboxen auf der Wiese loslegen. Das stört sie wenig. „Es ist schon cool, weil wir hier draußen und unter Leuten sein können“, so Moritz. Alle zwei Tage versuchen sie sich zu treffen. „Wir wohnen alle um die Ecke, und es gesellen sich immer gerne Leute dazu.“

Durch den Trubel im Kurpark fühlen sich auch die wohl, die sich eigentlich nicht so gerne vor anderen bewegen. „Für meine Gruppen ist es durchaus eine Überwindung, aber der Kurpark ist ein tolles Gelände. Es gibt viele kleine Ecke, in die man sich auch zurückziehen kann“, weiß Physiotherapeutin Andrea Czerlinski. Sie kommt zur Bewegungstherapie mit ihrer Adipositas-Gruppe aus dem Lüneburger Klinikum hierher, an diesem Abend steht Nordic Walking auf dem Plan. Und sicher werden sie dabei auch an der Konzertmuschel vorbei gekommen sein, wo Angelika Ratz beim Boule eine ruhige Kugel schiebt, während das Leben um sie herum tobt.

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Von Kathrin Bensemann