Mittwoch , 23. September 2020
Jan Orthey von Lünebuch ruft – normalerweise – in jedem Jahr ein hochkarätiges Krimifestival in Lüneburg ins Leben. (Foto: t&w)

Corona killt die Spannung

Lüneburg. Steigt im Oktober und November die Mordrate in der Stadt sprunghaft, sind viele Lüneburgerinnen und etliche Lüneburger hellauf begeistert. Dann ist Kr imizeit. Seit zehn Jahren geht das so. Das Lüneburger Krimifestival strahlt über die Stadt hinaus. Doch in diesem Jahr bleibt es dunkel im Saal. Corona hat das Krimifest gekillt. „Wir hatten alles fertig, aber wir wissen nicht, wie es im Oktober/November aussieht, die Gesundheit geht vor“, sagt Lünebuch-Inhaber Jan Orthey.

Es ist ein verflixtes elftes Jahr. Zwar dürfen Kinos und Theater wieder öffnen, aber nur mit sehr wenigen Besuchern. Abstandsregeln erzwingen mehr leere als besetzte Plätze. Daraus resultiert ein weiteres Problem. Orthey: „Wir wollen ein Festival für alle sein. Wir hätten die gleichen Kosten, aber deutlich weniger Plätze. Wir müssten die Eintrittspreise erheblich anheben.“ Das aber sollte vermieden werden.

Es kommt ein drittes, ein inhaltliches Kapitel hinzu. Denn internationale Autoren werden pandemisch bedingt so gut wie gar nicht auf Lesetour gehen. „Wir hatten schwedische und amerikanische Autoren gebucht“, sagt Mitorganisatorin Sylvia Anderle. Viele Krimistars hätten also wohl ohnehin abgesagt. Die Qualität des Krimifestivals aber soll, sobald es weitergeht, gehalten werden. Man wolle kein „Wir-tun-so-als-ob“-Festival veranstalten, so Orthey. Mit dem Meuchel-Mix aus internationalen Stars und regionalen Autoren wird es 2021 weitergehen. „Wir planen schon“, sagen Orthey und Anderle.

Das Krimifestival wurde auf Anhieb zum weithin sichtbaren Teil der kulturellen Attraktivität der Stadt. Kein Lüneburger Festival ist so breitenwirksam aufgestellt wie das der Kommissare und Privatermittler. Das komplett privat finanzierte, über rund zwei Wochen laufende Krimifest wird überregional wahrgenommen, beim Publikum, bei Autoren, bei Verlagen.

Bisher stellten rund 150 Autoren ihre Geschichten über Tat, Tod und Terror vor. Einige Autoren kamen schon dreimal. Das sind Gerichtsmediziner Michael Tsokos (am 1. Oktober erscheint „Zerrissen“), Marc Elsberg („Gier“), Nele Neuhaus (ab 27. September: „Muttertag“) und Ursula Poznanski (ab 12. August: „Cryptos“). Bernhard Aichner („Der Fund“) kam zweimal, eine dritte Lesung musste krankheitsbedingt außerhalb des Festivaltermins nachgeholt werden. Ähnlich war es bei Simon Beckett („Die ewigen Toten“).

Blickt man auf weitere Wiederholungstäter, zeigen sich Qualität und Bandbreite des Festivals nch deutlicher. Sylvia Anderle nennt als Autoren, die zweimal kamen, Mechtild Borrmann, Frank Schulz, Kathrin Hanke, Sebastian Fitzek, Klaus-Peter Wolf, Jiliane Hoffman und Arne Dahl.

„Schade“, sagt Jan Orthey, denn es werde beim Blick auf das, was die Verlage ankündigen, ein „richtig, richtig guter Krimiherbst.“ Der findet wohl nun zu Hause statt. Das heißt, nicht so ganz: „Wir werden das bei uns, also bei Lünebuch zelebrieren“, sagt Orthey. Davon wird zu lesen sein.

Von Hans-Martin Koch