Donnerstag , 1. Oktober 2020
Mehr Güter auf die Schiene gebracht werden sollen auch durch den „Alpha E“ genannten Ausbau der Bahntrassen in Norddeutschland. (Foto: A/t&w)

Alpha-E lebt noch

Lüneburg. Trotz Corona: Das umstrittene Bahngroßprojekt „Alpha-E“ zwischen Hamburg, Bremen und Hannover lebt noch. Das wurde jetzt bei einer Online-Konferenz deutlich. Rund 120 Teilnehmer von Rotenburg/Wümme über Lüneburg bis Uelzen hatten sich vergangene Woche über den aktuellen Stand informieren lassen: In einer knapp einstündigen Videoschalte gab DB-Projektleiter Matthias Hudaff Auskunft über die aktuellen Planungen der insgesamt fünf Teilprojekte zwischen Bremerhaven und Uelzen. Noch immer ist offen, ob die vorhandene Bahnstrecke durch Lüneburg massiv ausgebaut werden soll oder eine neue Trasse quer durch die Region gelegt wird.

Übergeordnetes Ziel ist es weiterhin, dem bisher wachsenden Güterverkehr aus den norddeutschen Seehäfen mehr Platz auf der Schiene zu geben. Zusätzlich soll der Personenfernverkehr zwischen Hamburg und Hannover an Schnelligkeit gewinnen. Von den zusätzlichen Kapazitäten für den Nahverkehr auf der Schiene, wie von Metronom gefordert, mal ganz zu schweigen.
Wiederholt heiß diskutiert wurden zuletzt mögliche Ortsumfahrungen Lüneburgs und Deutsch Everns, die zu einer neuen Eisenbahntrasse durch den Lüneburger Westkreis führen könnten – ausgelegt für Geschwindigkeiten von bis zu 250 km/h. Wenn denn nicht die Bestandsstrecke durch die Salzstadt ausgebaut würde. Kritiker wie die Stadt Lüneburg fordern seit Jahren eine Alternativtrasse entlang der Autobahn 7. All das ist jetzt Gegenstand der laufenden Untersuchungen.

Ein Teil von vielen

Das Projekt „Hamburg/Bremen – Hannover“ wurde vom Bundestag im Bundesverkehrswegeplan 2030 verankert. Der dreigleisige Ausbau der Strecke Lüneburg-Uelzen wäre nur ein Teilabschnitt in dem größten Bahnausbau-Projekt in Norddeutschland, das auch unter dem Titel „Optimiertes Alpha-E mit Bremen“ bekannt ist. Zu den weiteren Ausbaustrecken gehören unter anderem die Abschnitte Langwedel-Uelzen (Amerika-Linie), Rotenburg-Verden-Minden sowie Bremerhaven-Bremen. Parallel arbeitet die Deutsche Bahn am sogenannten „Ost-Korridor“ unter Einbindung der Strecke Uelzen-Stendal. lz

„Aktuell wird der Untersuchungsraum analysiert“, sagte Armin Skierlo, Sprecher Großprojekte auf LZ-Nachfrage. “Mit Blick auf umweltfachliche und raumordnerische Belange werden zunächst grobe Korridore im Untersuchungsraum identifiziert.“ Ähnliches war schon vor Monaten zu hören, die Ergebnisse lassen weiter auf sich warten.

Um die Trassenwahl gerichtsfest zu machen, sollen alle theoretisch sinnvollen Varianten untersucht werden. So werde bei der sogenannten Sensivitätsbetrachtung der gesamte Raum möglicher Trassen in den Blick genommen, um „Raumwiderstände“ zu identifizieren. Das sind beispielsweise Wohngebiete, Schutzgebiete, Moore oder Gewässer.

Der Untersuchungsraum für mögliche Trassenkorridore des Bahnstreckenausbau erstreckt sich zwischen A7 und Elbeseitenkanal. Im Fokus steht aber die Bestandsstrecke Ashausen-Lüneburg-Uelzen mit möglichen Ortsumfahrungen. (Grafik: Deutsche Bahn)
Den Untersuchungsraum hat die Bahn mit den Fachbüros wohl aus formalen Gründen recht großzügig gefasst: Im Westen mit zehn Kilometer großen Radien rechts und links der Autobahn 7. Und im Osten Lüneburgs verläuft der abgesteckte Untersuchungsraum sogar jenseits des Elbe-Seitenkanals. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Planer schon ein Ziel vor Augen haben.

Fachlicher Austausch mit Studie der Bahnkritiker

Projektleiter Hudaff sagte in der aufgezeichneten Videokonferenz: „Wichtig für uns ist, dass wir unsere gesetzliche Aufgabenstellung gemäß Bundesverkehrswegeplan einhalten.“ So müsse die Variante engpassfrei sein, „also auch Luft zum Atmen lassen für den einen oder anderen Zug mehr“. Und der Bahnverkehr müsse pünktlich fahren können. Zudem muss es „volkswirtschaftlich sinnvoll“ sein. Dazu Hudaff weiter: „Erste Lösungsansätze haben wir gefunden mit Umfahrungen. Zusätzlich haben wir festgestellt, dass es weiteren Handlungsbedarf gibt nördlich von Lüneburg.“ Auch in dem Bereich müsse noch intensiv gearbeitet werden, „um einen Engpass mit Blick auf die Zukunftsfähigkeit aufzulösen“.

Bereits im Januar hatte das Verkehrsberatungsbüro Vieregg-Rössler im Auftrag von fünf Bürgerinitiativen gegen Neubautrassen eine Studie vorgelegt, wie der Ausbau der Bestandsstrecke realisiert werden könnte. Dabei wird zusätzlich auch ein viergleisiger Ausbau von Ashausen über Winsen, Radbruch und Bardowick bis Lüneburg ins Spiel gebracht. DB Netz ist laut Hudaff jetzt in den fachlichen Austausch mit Vieregg-Rössler gegangen. Die Ideen würden mit Hilfe der Methodik des Bundesverkehrswegeplans bewertet und gegebenenfalls bei den Planungen berücksichtigt. Laut Hudaff seien aber die dort skizzierten Ortsdurchfahrten „durchaus schwierig“. Nach dem Ende des Sommers werde man sehen, welche Erkenntnisse daraus zu ziehen seien, sagte Hudaff.

Von Dennis Thomas