Mittwoch , 28. Oktober 2020
Der Kreisel am Ochtmisser Kirchsteig wird jetzt schon in Spitzenzeiten stark frequentiert. Das wird noch zunehmen, wenn erst das Neubaugebiet Am Wienebütteler Weg fertig ist. (Foto: A/t&w)

Am Limit

Lüneburg. 300, 400 oder gar 500? Wie viele zusätzliche Wohneinheiten verträgt die Stadt, bevor sie im Verkehr erstickt? Das ist die Kernfrage der „Verkehrstechnischen Untersuchung“, die derzeit für das geplante Neubaugebiet Am Wienebütteler Weg öffentlich ausliegt. Dort sollen bekanntlich bis zu 400 neue Wohneinheiten entstehen, laut Gutachten kein Problem. Nur: Stimmt das überhaupt? Ist Lüneburg nicht schon längst ein verkehrstechnischer Problemfall?

„Durch den Quell- und Zielverkehr des Bebauungsplangebietes werden insbesondere Verkehrszunahmen auf der K 21 (Am Wienebütteler Weg; Anm. d.Red.) und der Schomakerstraße erwartet, die je nach Größenordnung der Nutzungen entsprechend variieren“, heißt es in der von der Stadt in Auftrag gegebenen Untersuchung.

Rewe-Kreuzung wird besonders belastet

Ein echtes Problem erkennen die Gutachter der Ingenieurgemeinschaft Dr.-Ing Schubert aus Hannover allerdings nicht, da die Knotenpunkte auf der K 21 „das prognostizierte Verkehrsaufkommen mit seiner sehr guten Verkehrsqualität aufnehmen“ könnten. Lediglich die Rewe-Kreuzung Vor dem Neuen Tore/Schnellenberger Weg würde „die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit“ erreichen.

2550

zusätzliche Verkehrsbewegungen pro Tag erzeugt das Neubaugebiet Am Wienebütteler Weg.

Dabei sind die Belastungen, die durch das Neubaugebiet entstehen, nicht unerheblich. Knapp 2000 zusätzliche Verkehrsbewegungen pro Tag muss der Wienebütteler Weg allein in Richtung Innenstadt aufnehmen, 550 davon landen auf der Schomakerstraße, 1200 am Kreisverkehr, bis zu 1900 an der Rewe-Kreuzung.

Dort aber ist es ohnehin schon mehr als eng. Bis zu 15 300 Verkehrsbewegungen gibt es laut Gutachten bereits auf der Straße Vor dem Neuen Tore, knapp 16 000 sollen es werden, wenn das Neubaugebiet steht. Ähnliche Größenordnungen beim Schnellenberger Weg.

Der Blick auf Lüneburg allein aber greift zu kurz. Denn auch die Randgemeinden erschließen neue Baugebiete. Zu verlockend ist die Aussicht, die Attraktivität Lüneburgs auch für die eigene Gemeinde durch Ansiedlung einkommensstarker Steuerzahler zu nutzen.

Kreis muss an Problemlösung mitwirken

Vögelsen und Reppenstedt machen davon bereits Gebrauch. Und mit steigenden Immobilienpreisen werden auch die weiter entfernt liegenden Gemeinden auf diesen Zug aufspringen. Doch die damit verbundenen Probleme – Staus, Lärm, Abgase und Gefahren durch Verkehrsverdichtung – hat Lüneburg. Besonders ärgerlich: Weil viele Verkehrsadern konzentrisch auf die Hansestadt zulaufen, müssen oft diejenigen Autofahrer die Stadt ansteuern, die eigentlich ein anderes Ziel haben.

Wie diesem Dilemma zu entkommen ist, darüber scheiden sich die politischen Geister. Einig sind sich die Fraktionsvorsitzenden der im Rat der Stadt vertretenen Parteien zwar darin, dass dies nur gemeinsam mit Kreis und Kreisgemeinden zu leisten ist, bei der konkreten Umsetzung aber gehen die Vorstellungen bisweilen weit auseinander.

Neue Straßen oder Vergrämung?

Rainer Mencke (CDU) etwa sieht dringenden Bedarf, „eigentlich hätte da schon vor 20 Jahren etwas geschehen müssen“. Auch wenn er das Reizwort „Westumgehung“ lieber vermeidet, ist für ihn klar: „Man muss die Verkehrsströme um Lüneburg lenken und auch über Straßenbau nachdenken.“

Auf ÖPNV setzt Frank Soldan (FDP). Allerdings brauche die Stadt eine deutlich bessere Taktung bei den Bussen, die auch echte Anreize bietet, aufs Auto zu verzichten. „Leider haben wir diese Chance bei der Neufassung des Nahverkehrsplan verpasst.“

Weg vom Auto lautet die Devise der Grünen. Statt neuer Straßen favorisieren sie die Schaffung autoarmer Quartiere. „Auch dafür brauchen wir ein Stadtentwicklungskonzept“, betont Ulrich Blanck, der bereits ankündigte, den Bebauungsplan für das Neubaugebiet nur dann mittragen zu wollen, wenn die Anzahl der ausgewiesenen Stellplätze deutlich reduziert wird. Bei der Reduzierung des nach Lüneburg strömenden Verkehrs sieht er den Kreis in der Pflicht.

Ähnlich die Linken. Michèl Pauly bringt die Vorstellungen seiner Fraktion mit dem Begriff „Vergrämung“ auf den Punkt. Autofahren müsse unattraktiver werden, etwa durch in Kauf nahme von Umwegen, weit von der Wohnung entfernt angelegten Stellplätzen oder der Umwidmung des Stadtrings zur Einbahnstraße zugunsten von Radfahrwegen und Busspuren. Außerdem sollten neue Wohngebiete außerhalb Lüneburgs nur entlang von Bahn-Haltepunkten entstehen, um Zentren entstehen zu lassen und Zersiedelungen zu vermeiden. „Wo diese entstehen, sollte zwingend im Regionalen Raumordnungsprogramm verankert werden“, fordert Pauly. Eher ratlos zeigt sich Robin Gaberle (AfD). Zwar fordert auch er den Bau von Straßen, eine kurzfristige Lösung der aktuellen Probleme sieht er darin aber ebenfalls nicht. Dass ÖPNV aber nicht die alleinige Lösung sei, habe die Corona-Krise gezeigt: „Wer in den letzten Wochen kein Auto hatte, war aufgeschmissen.“

Westumgehung ist Angelegenheit des Kreises

„Der Verkehr ist ein gemeinsames Problem“, findet auch Klaus-Dieter Salewski (SPD). Ob dies mittels einer Westumgehung gelöst werden müsse, sei aber Angelegenheit des Landkreises. Seine Fraktion konzentriere sich darauf, die Probleme vor Ort in den Griff zu nehmen. So habe man nach einem Treffen mit der Bürgerinitiative Brockwinkler Weg (BI), die sich seit langem für Verkehrsberuhigung am Wienebütteler Weg einsetzt, deren Themen – breitere Fußwege, zusätzliche Bushaltestellen, Ampelschaltungen – an die Stadtverwaltung weitergeleitet.

Was die BI selbst zu dem Neubaugebiet und dem Verkehrsgutachten sagt, wird Thema eines weiteren Berichts, ebenso die Vorstellungen von Stadt und Kreis zur künftigen Mobilität in der Region.

Von Ulf Stüwe