Freitag , 25. September 2020

„Er war hasserfüllt und wollte ihr was tun“

Lüneburg. Abdulah H. saß mit orangenem T-Shirt in Saal 21 des Landgerichts Lüneburg nahe der Tür, die ins Gefängnis führt. Dorthin wird der 20-jährige Afghane nach jedem Verhandlungstag zurückgebracht – denn die Vorwürfe gegen ihn wiegen schwer: „Vorsätzliche Körperverletzung, versuchter Mord aus niederen Beweggründen und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte“, listet die Anklageschrift auf.

Nach der Tat verkroch sich der Mann

Die 4. Große Jugendkammer am Markt mit ihrem Vorsitzenden Dr. Michael Herrmann verhandelt eine Messerattacke auf eine heute 55-jährige Frau am 10. Oktober 2019 in Hanstedt (Kreis Harburg). Nach der Tat verkroch sich der junge Mann in seiner Unterkunft. Als zwei Polizisten in sein Zimmer traten, ging er mit einer Stichwaffe auf die Beamten los. Bei dem Kampf erlitt ein Oberkommissar schwere Bissverletzungen an Fingern, berichtete Oberstaatsanwalt Joachim Kaub.

Verteidiger Moritz Klay gab eine Erklärung für seinen Mandanten ab. Danach lebte H. bis 2015 in Afghanistan, flüchtete dann über den Iran nach Europa. In Deutschland beantragte er am 11. Juli 2016 Asyl. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge lehnte ab und ordnete die Abschiebung an. Der junge Mann zog vor das Verwaltungsgericht Lüneburg. Das bestätigte die Verfügung. Eine Ausweisung kam dennoch nicht zustande. H. blieb weiter in der Unterkunft in dem Nordheideort wohnen. „Es tut ihm leid, was passiert ist“, trug Rechtsanwalt Klay vor. Kurz vor der Tat habe Abdulah H. vom Tod seines Vaters gefahren und sich in einem seelischen Ausnahmezustand befunden. „Es war nicht das Ziel gewesen, einen anderen Menschen zu töten.“

Der mutmaßliche Täter trat ihr auch gegen den Kopf

Der Angriff von jenem Donnerstag im Oktober in der Harburger Straße, Höhe Hausnummer 104, belastet die Geschädigte, Carina K., noch heute. Zwei Angehörige von ihr sitzen im Publikum, als sie ihre Aussage macht. Sie sei von der Arbeit gekommen und ging kurz mit dem Hund vor die Tür. Ein Fahrradfahrer näherte sich von vorn. „Danach hörte ich Stimmen, war irgendwie weggetreten“. Wie der Angreifer sie zu Fall brachte, daran fehlt der 55-Jährigen die Erinnerung. Der mutmaßliche Täter trat ihr auch gegen den Kopf. Autos hielten an. „Das war ein Schockmoment. Ich bin dann zu einer Frau ans Auto und sah das Messer.“ Schutzsuchend setzte sich K., die im Prozess als Nebenklägerin auftritt, auf den Beifahrersitz, ihr Hund sprang in den Fußraum.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft verlagerte sich das Geschehen auf die andere Straßenseite. Dort stach der 20-Jährige der Filialleiterin einer Bäckereikette in den Oberarm. Zwar diagnostizierte eine Ärztin lediglich einen „oberflächlichen Schnitt“. Doch Kriminaltechniker entdeckten fünf „Stichdefekte“ in der Jacke, die die Filialleiterin damals trug. Offenbar stach der Angeklagte mehrmals zu.

Richter Dr. Michael Herrmann beschrieb die Folgen des Angriffs für Carina K.: Vier Monate krankgeschrieben, eine Operation am Knie, wohl durch den Sturz verursacht, und eine bis heute andauernde psychologische Behandlung. Hiltrud E. aus Karlsruhe beschrieb, wie sie Zeugin wurde. Sie fuhr mit ihrem Golf in den Ort, als sie zwei Personen am Straßenrand bemerkte und abbremste. Das Opfer rannte auf sie zu und rief: „Der kommt, der kommt.“

Ein Top-Beobachterin für das Schwurgericht

Die ehemalige Altenpflegerin öffnete die Beifahrertür. Carina K. stieg ein. Die Nebenklägerin, die sie in ihrem Auto aufnahm und zur Polizeiwache am Rathaus fuhr, entwickelte sich zu einer Top-Beobachterin für das Schwurgericht. Abdulah H. folgte seinem Opfer, hing mit dem Oberkörper im Wagen. „Er war hasserfüllt, der wollte ihr was tun“, gab die 69-jährige Seniorin sichtlich bewegt zu Protokoll. „Das Gesicht war eine Maske und sah richtig böse aus.“

Auch hinter Gitter bleibt der Angeklagte auffällig. In der Gefangenenakte aus dem Jugendgefängnis Hameln ist vermerkt, dass H. vor Wochen einen Wachmann angriff und ihm in einen Finger biss – woraufhin er mehrere Tage im besonders gesicherten Haftraum verbringen musste. Am 6. Juli geht die Verhandlung mit Zeugenvernehmungen weiter.

Von Benjamin Reimers