Der Lüneburger Klaus Freitag schloss sich 2018 der Musterfeststellungsklage gegen VW an, um Schadenersatz für seinen Audi Q5 mit Schummelsoftware zu erhalten. Doch im Bundesamt für Justiz findet man die Datei mit seiner Mail nicht mehr - er könnte leer ausgehen. Foto: t&w

Reinfall durch Technik

Lüneburg. Klaus Freitag lehnt sich gegen den Kotflügel seines Audi Q5 und seufzt: „Es ist mein Traumauto – gewesen.“ Eigentlich wollte der Lüneburger damit dank AdBlue-Filtertechnik „ökologisch fahren“. Doch das Öko-Versprechen des Autokonzerns war eine Lüge, die einen Betrug verdeckte: Ingenieure hatten dem Diesel ein Extra unter die Haube gebaut, das den Wagen nur auf Prüfständen auf öko trimmte.

Klaus Freitag schloss sich der Klage der Verbraucherzentralen gegen VW an. Ende Februar dann die – eigentlich – gute Nachricht: Nach einem Vergleich zahlt VW klagenden Kunden 830 Millionen Euro, von denen der Lüneburger etwa 6000 Euro erwarten konnte. Eigentlich, denn zu seinem Pech ist die Mail, mit der er sich der Klage anschloss, verschwunden. Die Geschichte eines doppelt Geneppten.

Missbrauchtes Vertrauen

Im Januar 2017 erreichte Klaus Freitag ein Brief von Audi, in dem die Ingolstädter sich etwas gewunden für die „Stickoxidproblematik bei Volkswagen entschuldigen“ wollten. Der Oberstudienrat a.D. rückte die Begrifflichkeit gerade, schrieb in seiner Antwort von „einer bewusst durchgeführten Manipulation“ und seiner fehlenden Bereitschaft, „mich derart massiv täuschen zu lassen“.

Am 28. November 2018 schickte er um 18.48 Uhr ein ausgefülltes Formblatt per Mail an das Bundesamt für Justiz, bei dem ein Klageregister all derer eingerichtet wurde, die sich der Musterfeststellungsklage der Verbraucherzentralen anschließen wollten. Für seine Akten druckte Klaus Freitag die Mail als PDF aus. „Ich war frohen Mutes.“

Die Geister-Mail

Ende Februar erhielten die Freitags frohe Kunde. Im zweiten Anlauf hatten sich Volkswagen und die Verbraucherzentralen vor dem Oberlandesgericht Braunschweig auf einen Vergleich zur Entschädigung von Hunderttausenden Dieselkunden geeinigt. Zwischen 1350 und 6257 Euro sollten die Betroffenen erhalten. Klaus Freitag konnte für seinen mehr als 60 000 Euro teuren Wagen auch mit etwa 6000 Euro rechnen.

„Als mein Schwager Geld erhielt, rief ich an.“ Doch vergeblich. Im Bundesamt für Justiz, einer Behörde des Ministeriums, die auch für den Verbraucherschutz zuständig ist, fand sich keine Spur von dem Vorgang.

Die Freitags fuhren in einen Marokko-Urlaub. Dort versäumten sie wegen eines Virus die Frist, sich bis Ende April zu melden. „Wir wurden von Corona überrascht, saßen in einem hermetisch abgeriegelten, marokkanischen Ort für dreieinhalb Monate fest.“

Verhängnisvoller Datenschutz

Nach der Rückkehr aus der unfreiwilligen Quarantäne forschte Klaus Freitag per Mail nach der Geister-Mail. Am Freitag antwortete eine Sachbearbeiterin, dass nach ihrer Recherche keine Eintragung ins Klageregister erfolgt sei. Der Lüneburger möge doch die damalige Original-Mail nochmals übersenden und einen Screenshot des E-Mail-Headers – also der Daten, die bei jeder Mail im Hintergrund mitlaufen.

Klaus Freitag rief seinen Provider an, der ihm allerdings mitteilte, dass er gesetzestreu sei – und die Mail gemäß der Vorgaben des Datenschutzes nach sieben Tagen gelöscht habe. Das Angebot des Lüneburgers, das PDF der Mail zu übersenden, wurde abgelehnt. Das sei zu leicht manipulierbar, hieß es am Telefon. Offenbar unterstellt die für Verbraucherschutz zuständige Behörde geprellten VW-Kunden dieselbe kriminelle Energie wie VW-Ingenieuren.
Die letzte amtliche Mail endete in einem Satz, die den aufbegehrenden Bürger wohl zum verstummenden Untertan machen sollte: „Eine Beantwortung gleichgelagerter Anfragen Ihrerseits in dieser Angelegenheit kann nicht in Aussicht gestellt werden.“

Ausweg Klageweg?

Versuche, eine Stellungnahme der Behörde zu erlangen, endeten in einer telefonischen Warteschleife. Darin wird um Verständnis dafür geworben, dass man wegen Corona nur eingeschränkt erreichbar sei. Klaus Freitag musste sich am Telefon auf seinen Einwand, dass er wegen Corona eine Frist versäumt habe, nach eigener Aussage sagen lassen: „Das interessiert uns nicht.“

Es ist auch diese „Sturheit“ im Umgang mit ihm, die Freitag sagen lässt: „Der Wagen ist sein Geld nicht wert.“ Nach dem jüngsten Urteil des Bundesgerichtshofes könnte er eine Möglichkeit haben, den Wagen zurückzugeben und Schadenersatz zu erhalten. „Das würde ich machen, obwohl ich ein überzeugter VW-Kunde war.“ Vom Käfer gleich nach dem Führerschein bis zum Q5 hatte Klaus Freitag elf Modelle des Konzerns. „Jetzt gucke ich mir an, was die Koreaner so bauen.“

Von Joachim Zießler