Donnerstag , 22. Oktober 2020
Das Lachen und der Spaß sind zurück: Philip „Zlotti“ Zlotos (Mitte) hat den Krebs besiegt und kickt nun wieder eifrig mit seinen Kumpels in Adendorf. Foto: t&w

Zurück im ganz normalen Leben

Adendorf. Von Sprüchen aus seiner Mannschaft bleibt Philip Zlotos auch beim LZ-Termin nicht verschont: „Menschlich freuen wir uns, dass er wieder da ist, fußballerisch nicht unbedingt“, kriegt er als Feedback auf seine momentane Verfassung frotzelnd zu hören. Schallendes Gelächter. Philip, den hier alle Zlotti nennen, schüttelt grinsend den Kopf.

Er ist zurück auf dem Rasen des TSV Adendorf – zurück im Team der 2. Herren, auf das er auch in der bisher schwersten Phase seines Lebens immer zählen konnte: Der 29-Jährige kämpfte monatelang gegen den Krebs und gilt nun als geheilt. „Bei der letzten Nachsorge vor zwei Wochen waren alle Untersuchungen unauffällig“, freut er sich.

Die Haare sind wieder voll da, auch die Kraft und das verlorene Körpergewicht kommen langsam, aber sicher zurück. „Ich hatte zwischendurch an die 17 Kilo abgenommen, bin immer noch zu dünn“, erklärt Philip. Auch beruflich hat sich Neues getan: Seit einem Monat hat der Adendorfer eine eigene Tankstelle als Stationsleiter in Soltau. „Ich habe mein ganz normales Leben wieder aufgenommen“, sagt er und die Erleichterung in seinen Worten ist nicht zu überhören. Seine Prioritäten aber haben sich verschoben: „Mein Ziel ist ganz klar meine Gesundheit.“

„Ich hatte zwischendurch an die 17 Kilo abgenommen.“ – Philip Zlotos

173 Tage, 25 Wochen, sechs Monate – das ist Philips Kampf in Zahlen, wie er auf Instagram schreibt. Am 13. September bekam er die Diagnose Hodenkrebs, zwei Tage später wurde ihm ein Hoden entfernt. Es folgten drei Zyklen Chemotherapie, die er gut wegsteckte. Eine komplizierte Bauch-OP vor Weihnachten, die noch nötig war, verlangte ihm dagegen im Anschluss alles ab. Gerade bei Kräften folgten weitere OPs an der Brust, es hatten sich Metastasen gebildet. „Im März war der letzte und kleinste Eingriff, aber der hat mich nochmal total aus den Socken gehauen“, so Philip. Weil seine Rippe durchschnitten wurde, atmet er noch nicht rund, muss zwischendurch öfter husten, aber auch das wird wieder.

Im Januar noch fehlten Philip Zlotos (M.) nach der Chemotherapie die Haare. Damals warb er für eine Typisierung bei der DKMS. Foto: t&w

Der Fußballer hatte sich früh entschlossen, Ängste und Sorgen, aber auch Hoffnungen über seinen Instagram-Account zu teilen. Zum einen, um Männer zur regelmäßigen Selbstkontrolle zu motivieren, „denn Hodenkrebs ist im Frühstadium gut heilbar“, gibt Philip zu bedenken. Zum anderen, um Gleichgesinnten Mut zu machen. Zu einigen hält der Kontakt. „Ein Mann aus München, Anfang 20, hatte meine Posts gelesen und fragt immer wieder, wie es mir ergangen ist.“ Auch Frauen mit der Diagnose Brustkrebs tauschten sich mit Philip aus. „Ich habe viel Zuspruch bekommen, das hat mir unheimlich geholfen. Und wenn man selbst erkrankt ist, erfährt man auf einmal von vielen um einen herum, dass sie auch an Krebs leiden.“

Zu seiner Mannschaft riss der Kontakt nie ab, Silvester feierte er, von der Bauch-OP noch ordentlich geschwächt, mit den Jungs – Ende Januar ließ er sich beim Hallenturnier in Adendorf für die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) für einige Minuten einwechseln, ein Kraftakt. Das Turnier hatte er mitorganisiert, um potenzielle Lebensretter zu finden. Ein Blatt vor den Mund nehmen muss er in dieser Runde nie. „Wenn es mir richtig mies ging, konnte ich das auch sagen“, ist Philip dankbar.

Der Kontakt zur Mannschaft riss nie ab

Doch ist es nichts gegen das Gefühl, endlich wieder ganz und gar dazuzugehören. „Wenn du über WhatsApp immer erfährst, was so anliegt und bist selbst viel zu schwach, das ist schwer“, erklärt der Adendorfer, der fußballerisch wegen der Corona-Zwangspause nicht so viel verpasst hat. Am 24. Mai wollte Philip beim letzten Heimspiel sein Comeback feiern. Nun gibt er es beim Training – mit Fußballtennis und Torschüssen, um den Mindestabstand zu wahren. Nicht verkehrt, wenn Kondition und Kraft noch zu wünschen übrig lassen und lange Zeit nur Spaziergehen möglich war.

Trainer Mike-Philip Masanek ist erleichtert: „Es hätte auch anders kommen können, es ist super, dass er wieder dabei ist.“ Nun folgt die reguläre Sommerpause, und für Philip bleibt genügend Zeit, wieder ganz fit zu werden.

Alle drei Monate muss er weiterhin zur Nachsorge mit CT, Ultraschall und Blut-Untersuchungen. Das birgt auch die Angst vor einer schlechten Nachricht. „Klar, sind die Gedanken da, aber ich kann es ja nicht ändern“, sagt er. Immer positiv zu denken, ist ihm trotz allem in den vergangenen Monaten gelungen. Oder, um es mit Philips Worten auf Instagram zu sagen: „Anlauf genommen, ausgeholt, und dem Krebs in den Arsch getreten.“

Von Kathrin Bensemann