Hier hat Lars Wiebusch wochentags Fischbrötchen und Räucherfisch über den Tresen gereicht – 15 Jahre lang. Jetzt widmet er sich stärker seiner Musikkarriere. (Foto: phs)

Aus der Räucherei auf die Rockbühne

Grünhagen. Fisch ist nicht gleich Fisch, und Holz ist nicht gleich Holz. So viel will Lars Wiebusch klarstellen. Er muss es wissen: 15 Jahre lang hat er an der B4 in Grünhagen Lachs, Makrele, Aal und Forelle geräuchert – fünf Tage die Woche. Lars Wiebusch war gerade zwölf Jahre alt, da wusste er schon, welches Holz zu welchem Fisch passt. Und dass er eines Tages die Grünhagener Fischräucherei von seinem Großvater übernehmen will. Es hat ja niemand ahnen können, dass eine Musikkarriere auf ihn warten und er mit seinem Keyboard Hallen füllen würde.

Mit der Hamburger Indierockband Kettcar ist der 48-Jährige seit einigen Jahren auf den großen Bühnen Deutschlands unterwegs. Unter der Woche reichte Wiebusch Fischbrötchen über den Tresen, am Wochenende brachte er die Festivalszene zum Johlen. Zwei Herzen schlugen in einer Brust: eines für die Musik und eines fürs Räucherhandwerk. „Aber die Doppelbelastung wurde zum psychischen Problem“, erzählt Wiebusch. „Ich persönlich kam da gar nicht mehr vor, habe nur noch funktioniert.“ Darum hat er den Betrieb an der B4 eingestellt. Gebäude und Grundstück stehen zum Verkauf.

Erfolgreich mit der Band „Kettcar“

Die Aufschrift auf dem Monitor der Waage blinkt noch, als Lars Wiebusch den Verkaufsraum betritt: „45 Jahre Grünhagener Räucherei“ steht da schwarz auf grün. Hier hat schon sein Großvater Fische über den Tresen gereicht. Der war einst Bauunternehmer, bevor er den Betrieb an der B4 aufbaute. „Er hat immer sein Ding durchgezogen“, weiß Lars Wiebusch. Darum ist er sich sicher, dass sein Großvater Verständnis für seine Entscheidung gehabt hätte.

Leicht ist ihm der Entschluss, das Handwerk an den Nagel zu hängen, trotzdem nicht gefallen. Denn damit ist auch ein dörflicher Treffpunkt gestorben: Neben der Räucherei betrieb Wiebusch eine Kneipe. „Morgens kamen Landwirte und Jäger, um andere Landwirte und Jäger zum Kaffee zu treffen. Und abends kamen die Leute auf ein Bier vorbei.“

Staub liegt auf den umgedrehten Barhockern, noch immer hängt der Geruch von kaltem Rauch in dem umgebauten Zuckerrübensilo. Das ruft Erinnerungen wach: Wie hier zum Beispiel das halbe Dorf zu Fußball-WM-Zeiten vor dem Fernseher die deutsche Mannschaft anfeuerte. Wie der Chef oft erst im Morgengrauen die Tür abschloss. Ohne die Hilfe seine Mutter hätte er das nicht geschafft, sagt Wiebusch. Sie ist inzwischen 74 Jahre alt, und auch das Stammpersonal hat das Rentenalter erreicht. Das habe den Entschluss leichter gemacht.

Das halbe Dorf feuerte hier die Nationalmannschaft an

Vor der Tür wächst Löwenzahn zwischen den Steinplatten, Schwalbenkot klebt am Boden. Das juckt Wiebusch jetzt nicht mehr. Früher war das anders. Früher habe er auch noch alle zwei Minuten durch das Fenster gelinst, um zu schauen, wer auf dem Parkplatz Halt macht. Das müsse er jetzt nicht mehr. Das habe er sich abgewöhnt.

Viel lieber steht er auf der Bühne. Als sein Bruder 2001 die Band Kettcar gründete und Lars Wiebusch als Keyboarder einstieg, sollte das ein Hobby werden. Von einer großen Karriere mit Auftritten bei „Rock am Ring“ oder dem „Hurricane Festival“ hatte damals niemand zu träumen gewagt. Doch ihre Alben eroberten die Charts.

Im Augenblick arbeitet die Band an einem neuen Album, Lars Wiebusch will sich dabei jetzt stärker einbringen, auch selbst Songs schreiben. „Ich wollte nicht irgendwann mit 60 dastehen und mich fragen: Wann hast Du denn die letzten zehn Jahre überhaupt gelebt?“ Er seufzt. Draußen hält ein Wagen auf dem Parkplatz. Lars Wiebusch wirf einen Blick aus dem Fenster und murmelt: „Der hätte bestimmt ein Fischbrötchen gekauft.“

Von Anna Petersen