Samstag , 26. September 2020
Zwei Lkw der Marke DAF, vergleichbar mit diesem, hat die Bande gestohlen. (Foto: AdobeStock)

Mildes Urteil für reuige Lkw-Diebe

Lüneburg. Ein Verfahren der Überraschungen fand am Donnerstag vor dem Landgericht nach zwei Verhandlungstagen ein frühes Ende. Überraschend leer war die Anklagebank am 14. Mai. Corona-Beschränkungen verhinderten die Einreise von Andrius K. (38) und Edvinas G. (33). Überrascht zeigte sich die 2. große Strafkammer gestern, dass die Litauer nun in Saal 121 auftauchten – obwohl ihnen empfindliche Strafen drohten. Überrascht war Andrius K., als er am Montag am Hamburger Flughafen festgenommen wurde. Überrascht waren die Verteidiger, dass der Staatsanwalt keine Neigung zeigte, sich auf Bewährungsstrafen zu verständigen. Und am Ende zeigte sich der Vorsitzende Richter Thomas Wolter überrascht, überhaupt ein Urteil sprechen zu können. „Ich hatte erwartet, heute nur Haftbefehle zu erlassen.“

Nicht überraschend gab es gestern keine neuen Erkenntnisse über die beiden Taten im Oktober und Dezember 2017. Das Duo gab zu, im Auftrag dreier deutscher Männer nachts in Industriegebiete Soltaus und Visselhövedes gefahren zu sein, um Beute auszubaldowern: Sattelschlepper, die in einer gemieteten Scheune in Munster verfremdet, mit falschen österreichischen Papieren versehen und in Litauen verkauft werden sollten. In ihrem Golf dabei hatten sie Störsender, um das GPS-Signal der Lkw zu blockieren, Doubletten-Kennzeichen, Notebooks mit Software, um die der Lkw manipulieren zu können, sowie Aufbruchswerkzeug.

Zwei Mal schlugen sie zu, erbeuteten Fernverkehrs-Lkw der Marke DAF im Wert von 85 000 und 50 000 Euro. Allerdings erreichte die Beute ihr Ziel in Osteuropa nie, weil die Polizei die Bande umgehend auffliegen ließ.

Die drei deutschen Drahtzieher wurden bereits 2018 vom Landgericht Lüneburg zu Haftstrafen zwischen vier Jahren, acht Monaten und zehn Jahren verurteilt. Das Trio hatte allerdings deutlich über ein Dutzend Raubzüge zu verantworten – und ein Kerbholz, das massiv einschlägige Vorstrafen aufwies.

Jeder muss zusätzlich 3500 Euro Strafe zahlen

Die harten Strafen gegen die Komplizen dienten in diesem Verfahren nicht als Blaupause. Denn die Bandenbosse waren „unbelehrbar“, wie sich Wolter erinnert. Dagegen präsentierten sich die Litauer reuig und zerknirscht, wollten „sich vor Gericht und der Familie verantworten“, wie Andrius K. sagte. Er ernähre von den 1500 Pfund, die er als Lagerist auf der Insel verdiene, Frau, zwei Kinder und die herzkranke Oma. Edvinas G., den die Arbeitslosigkeit in Litauen auf die schiefe Bahn in der Fremde geführt hatte, wies einen Arbeitsvertrag ab dem 1. Juli als Möbeltischler in seiner Heimat vor. Beide sollten als Diebeslohn für die beiden Sattelschlepper jeder einen Anteil von etwas über 3330 Euro erhalten.

Während der Staatsanwalt es als „Selbstverständlichkeit“ bewertete, dass die Angeklagten ihr schützendes Exil verließen, um vor Gericht zu erscheinen, plädierten die Anwälte Samour und Hendrik König dafür, dies strafmildernd zu bewerten. Der Ankläger wollte das Duo für zweieinhalb Jahren hinter Gittern sehen, die Verteidiger forderten eine Bewährungsstrafe. Letztlich folgte die Kammer mit der Verurteilung auf zwei Jahre mit Bewährung den Verteidigern, „mit großen Bedenken“, wie Wolter einräumte, obwohl dies „sehr gut vertretbar“ sei. Sich „freiwillig seinem Richter auszuliefern“ spräche dafür, nicht wieder kriminell werden zu wollen – „sonst hätten Sie sich weiter versteckt“.

In ihrer Bewährungszeit von vier Jahren müssen die Litauer zudem jeder 3500 Euro Strafe in Monatsraten von 150 Euro abstottern – also etwas mehr als den Diebeslohn, der ihnen entgangen ist. Eine höhere Geldstrafe habe man erwogen, aber verworfen, „damit Sie nicht Straftaten begehen müssen, um das zahlen zu können.“

Wenn er sich nun bewährt, werden die wenigen Stunden in U-Haft Anfang der Woche die einzige Erfahrung hinter Gitter für Andrius K. bleiben. Weil er zwischenzeitlich einen Job in England gefunden hatte und dort lebte, galt er für die Justizbehörden im März als „nicht ladungsfähig“ – also quasi flüchtig. Mehrere Telefonate zwischen seiner Anwältin Nadija Samour und Richter Wolter sorgten für seine Entlassung. Gleichwohl habe ihn die kurze Haft-Erfahrung „schwer beeindruckt“, sagte die Verteidigerin.

Von Joachim Zießler