Kommentar: Sinkflug für die Politik

Das war mehr als eindeutig. Der Luftsportverein hat mit seinem Bürgerentscheid den Nerv der Bürgerschaft getroffen. Mehr als ein Drittel rief diese Lüneburger Premiere an die Wahlurne. Das war die erste Überraschung. Und mit einem so eindeutigen Ergebnis hatten sicher die wenigsten gerechnet: Mehr als 80 Prozent stimmten für die Verlängerung des Pachtvertrages.

Bei allem Respekt – eigentlich gibt es wichtigere Themen in und für die Stadt. Dass dieses Ergebnis dennoch so zustande gekommen ist, lässt tief blicken. Ganz offensichtlich ist damit eine Strategie der Initiatoren des Bürgerentscheids aufgegangen: Sie hatten sich in ihrer Agitation ganz auf den Oberbürgermeister eingeschossen und dabei auch nicht immer einen guten Geschmack bewiesen. Diese Polarisierung wäre vor noch nicht allzu langer Zeit nach hinten losgegangen. Jetzt hat dies zumindest nicht geschadet. Womöglich hat manch einer an der Wahlurne auch dem OB einen Denkzettel verpassen wollen.

Und Ulrich Mädge selbst hatte ebenfalls phasenweise keine Gelegenheit ausgelassen, um zu beweisen, dass er die Rolle als Raubautz glaubwürdig besetzen kann. Auch das war bisweilen unnötig und wenig hilfreich.

Das Ergebnis ist ein gutes Jahr vor der Kommunalwahl in jedem Fall eine Klatsche für weite Teile des Stadtrates. Die stets Oberbürgermeister-treue SPD darf sich nicht wundern, wenn ihr Sinkflug auch in Lüneburg weitergeht. CDU und Grüne eierten in der Flugplatzfrage in einer unverbindlichen Gegensätzlichkeit herum, dass man bei so viel Entscheidungsschwäche schon fast Mitleid haben musste. Bürgernah und zukunftsweisend war das bei beiden Parteien jedenfalls nicht. Auftrieb im Vorwahljahr sieht anders aus.

Nun gilt es, die Scherben zusammenzukehren. Stadt und Luftsportverein müssen eine Basis finden, die den Bürgerwillen sichert. Beim Thema Pacht wird es um ein Einlenken von beiden Seiten gehen.

Noch viel spannender wird es aber sein, ob und wie die großen Parteien in der Stadt in den nächsten Monaten bis zur Oberbürgermeister- und Kommunalwahl im Herbst 2021 die Kurve kriegen. Zu abgehoben wirkte ihre Argumentation in der Flugplatzfrage und zeugte von einer Entfremdung zur Wählerschaft. Ob und wer gewählt wird, dürfte entscheidend davon abhängen, wie viel Kraft hier für einen neuen Kurs vorhanden ist.

Von Marc Rath