Samstag , 26. September 2020
Die Dampflok der Eisenbahngesellschaft Geesthacht musste nach einem Unfall von Geesthacht nach Bleckede geschleppt werden. Fotos: phs

Karoline muss zum Arzt

Bleckede. Karoline war mit ihren 75 Jahren eigentlich noch ganz gut in Schuss. Bis vor rund einem Jahr legte sie, wenn es sein musste, noch mehrmals am Tag die Strecke zwischen Geesthacht und Bergedorf zurück. Dann hat sie zwar jedes Mal geschnaubt und geächzt, aber stets funktioniert. Bewegung hält fit und jung! Doch seit einem Unfall im vergangenen Jahr ist alles anders. Karoline kann sich nicht mehr bewegen, darum steht sie jetzt ganz oben auf der Patientenliste von Jens Schaar. Der soll‘s richten. Der kennt sich aus mit alten Dampfloks.

Der Werkstattleiter vom Eisenbahnausbesserungswerk der Osthannoverschen Eisenbahnen AG (OHE) in Bleckede kennt die Dramen, die sich auf Deutschlands Schienen abspielen. Vom Personenzug bis zum Rangierfahrzeug: Alles landet auf seiner Hebeanlage. Karoline aber ist erst die fünfte Dampflok, die seine Hilfe braucht – dringend sogar, denn der Unfall war nicht ohne: Eine Autofahrerin hatte den Museumszug an einem Bahnübergang im Zentrum von Geesthacht übersehen und war seitlich in die Lok gekracht. Die 82-jährige Dame blieb unverletzt, doch Karoline musste von einer Diesellok von Geesthacht bis Bleckede geschleppt werden. Zwei Tage hat das gedauert.

„Da steckt schon eine Menge Herzblut drin.“ – Lokführer Christian Pries

Nun steht sie mit verdecktem Schornstein und losem Gestänge, zwischen Bremsreiniger und Lackeimern, Pressen und Werkzeugkästen. Es herrscht geschäftiges Treiben – wie in einem Krankenhaus. Nur, dass die Pflegedienstmitarbeiter hier überwiegend männlich sind und keine weißen Hosen tragen, sondern Overalls. Und mit dem entscheidenden Unterschied, dass sie mit Werkzeug an Karoline herumdoktern, das gut und gerne die Länge eines Unterschenkels besitzt.

Werkstattleiter Jens Schaar zeigt den Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft Geesthachter Eisenbahn, wo es bei Karoline zwickt. Lokführer Christian Pries (rechts) hofft, in sechs Wochen mit Karoline den Heimweg antreten zu können.

Heute stattet eine Abordnung der Arbeitsgemeinschaft Geesthachter Eisenbahn (AGE) Karoline einen Krankenbesuch ab. Lokführer Christian Pries lauscht mit betretener Miene, wie Werkstattleiter Jens Schaar das weitere Vorgehen skizziert. „Ganz kalt lässt einen das nicht“, sagt der 50-Jährige. „Da steckt schon eine Menge Herzblut drin.“ Jeden Sommer haben er und Karoline sechs Wochen lang Touristen durch die Elbregion kutschiert.

Kosten im fünfstelligen Bereich

Der Verlust trifft die AGE-Mitglieder hart: Bevor die Corona-Krise den Fahrbetrieb komplett lahmlegte, hatten sie ersatzweise eine Diesellok aus den 50ern vor Karolines Waggons gespannt. „Aber die Leute wollen einfach die Dampflok sehen“, berichtet Pries. Die Einnahmen schrumpften um ungefähr ein Drittel. Dabei kann der Verein gerade jeden Cent gebrauchen: Vorsitzender Hermann Scharping erwartet Behandlungskosten für Karoline im fünfstelligen Bereich. Und noch immer sei nicht sicher, ob die Versicherung der Unfallverursacherin das alles zahlt, erklärt der 79-Jährige. Dann zündet er sich eine Pfeife an.

Jens Schaar plant derweil die Diagnostik. Karoline soll in den kommenden Tagen eine Ultraschalluntersuchung bekommen. Damit kann der Werkstattleiter feine Risse im Inneren der Maschinenteile erkennen. Noch dazu muss der Rahmen der Lok vermessen werden. Alles reine Routineuntersuchungen. Die verbogenen Kuppelstangen haben die Kollegen schon gerichtet, jetzt heißt es hoffen! Denn Ersatzteile für Dampfloks sind schwer zu kriegen. Zur Not müssen die OHE-Mitarbeiter erfinderisch werden – und mit Schweißer und Feile die Teile selbst basteln. Das ist eine Herausforderung, wie Schaar sie mag. Sicher ist aber schon jetzt: Am Herzen, dem Dampfschieber, hat Karoline nichts. Sollten keine negativen Überraschungen auftreten, veranschlagt Schaar sechs Wochen Behandlungsdauer. Dann hofft Lokführer Pries, mit Karoline ächzend und schnaubend den Heimweg antreten zu können.

Von Anna Petersen