Sonntag , 27. September 2020
Geschafft! Jasmin Spitzlei finisht ihren ersten Marathon zu Hause - begleitet von Familie und Freunden, die sie feierten. Foto: t&w

Im Ziel laufen die Freudentränen

Vögelsen. Als Ehemann Alexander im Ziel auf sie zugelaufen kommt, ist es aus: An seiner Schulter lässt Jasmin Spitzlei ihren Tränen freien Lauf. Tränen der Erschöpfung, aber vor allem der Freude über das, was sie vor Sekunden geschafft hat: ihren ersten Marathon. 42,195 Kilometer – nicht, wie geplant, mit Tausenden Gleichgesinnten beim Rhein-Ruhr-Marathon in Duisburg und getragen von Stimmung und Zuschauermassen, sondern zu Hause. Ohne echten Wettkampfcharakter durch Wald und Wiesen. Eine Mammutleistung auch für den Kopf. „Aber nach der Absage wegen Corona war klar, dass ich das trotzdem durchziehe.“

Laufen ist für sie eine Selbsttherapie

Der 42-Jährigen ging es am Sonntag um so viel mehr als das Bezwingen der Marathondistanz. Sie wollte sich vor allem eines beweisen: „Egal, was passiert, du hast jeden Tag die Chance, dein Leben in die Hand zu nehmen, egal was dir in der Vergangenheit passiert ist.“ Jasmin Spitzlei ist viel passiert. Nach einer traumatischen Kindheit, in der sie sexuell missbraucht wurde, litt sie lange unter Depressionen, fühlte sich minderwertig. Ende 2017 fing sie mit dem Laufen an. Es wurde eine Art Selbsttherapie. „Das Laufen gibt mir unglaublich viel, es hat mich stark gemacht.“ 33 Wettkämpfe ist sie inzwischen gelaufen, wurde 2019 gar Siegerin des Salah Cups in der W 40.

Fünf Monate hat Jasmin Spitzlei nun auf den Marathon hintrainiert. „Und doch hat man keine Ahnung, was wirklich auf einen zukommt“, weiß sie nun sicher. Da war es ein Segen, erfahrene Marathonis an der Seite zu haben, die die Höhen und Tiefen kennen: Diana Paape aus Jasmins Laufgruppe Düvelsbrook Dynamics begleitete die Vögelsenerin bei der Premiere – und spontan Tanja Menke, die Jasmin auf Instagram folgt und einfach anschrieb, ob sie nicht dabei sein könne. Ein Glücksgriff, wie sich zeigte, obwohl sich beide nur flüchtig kannten. „Sie ist eine Frohnatur, das tat so gut auf der Strecke.“

In Bardowick kommt der Mann mit dem Hammer

Um acht Uhr morgens hatten sich die drei auf den Weg gemacht – Jasmin präpariert mit ihrer Startnummer F 172 für den Homerun des Duisburger Marathons, den die Veranstalter alternativ organisiert hatten. Die Strecke war sie vorher mit dem Fahrrad abgefahren, um sicher eine Punktlandung hinlegen zu können. Über Kirchgellersen und Heiligenthal ging’s Richtung Wilschenbruch, wo sich mit Alexander Röhling der nächste Läufer dazugesellte. Auch eine mobile Versorgungsstation gab Jasmin Sicherheit: Tochter Katja (17) hatte auf dem Fahrrad von Isogetränken über Cola und Gels alles für den Notfall dabei.

Dass sie 35 Kilometer am Stück laufen kann, wusste sie aus dem Training, dennoch kam nach 30 Kilometern der berühmt berüchtigte Mann mit dem Hammer. Da waren sie gerade am Ende des Treidelwegs in Bardowick angekommen. „Ich hatte bleischwere Beine.“ Hier registrierte Jasmin auch, dass es mit einer Endzeit unter fünf Stunden nichts werden würde. „Ich bin Buchhalterin, Zahlentante eben. Und obwohl ich mir keine Zeit gesetzt hatte, habe ich mit einer vier vorne geliebäugelt und unterwegs doch gerechnet.“

„Aufgeben ist keine Option“

Nun stand ihr auch der Kopf im Weg – ein Fall für Ehemann Alexander, der immer wieder per E-Bike an die Strecke kam und zum Animateur wurde. ,,Das war so typisch, selbst eine Fahrradtruppe hat er dazu gebracht, mich im Spalier anzufeuern.“ Er tat ihr gut, nach einer kurzen Gehpause bekam Jasmin die Kurve und blieb ihrer Überzeugung treu: „Wenn du was willst, dann schaffst du das auch. Aufgeben ist keine Option.“

Und während sie sich tapfer auf den letzten Kilometern Richtung Vögelsen quälte, organisierte Alexander Spitzlei mit Tochter Laura (8) einen gebührenden Empfang für seine Frau. Das Ortsschild wurde zum Zielbanner umfunktioniert, Freunde stellten sich mit Zielband auf, es erklang der Tina-Turner-Hit: „Simply the best.“ „Als ich das gesehen habe, habe ich kurz die Schmerzen vergessen, ich bin unglaublich dankbar, dass mich so viele unterstützt haben.“

Sollte sie noch einmal einen Marathon in Angriff nehmen, dann auf jeden Fall unter Echtbedingungen, um ihre Premierezeit von 5:08:39 Stunden zu unterbieten. Doch eines ist klar: Diesen ersten Marathon wird sie nie vergessen – es wird auf ewig der emotionalste bleiben.

Von Kathrin Bensemann