Dienstag , 22. September 2020
Klein, gemütlich und gesellig: Gerade mal 18 Plätze hat die Weinbar „Alto Adige“ von Natalie Klemke an der Lünertorstraße – Abstandsregeln einzuhalten, ist da kaum bis gar nicht möglich. Foto: t&w

Die vergessenen Bars

Lüneburg. Das kleine Reich von Natalie Klemke misst genau 28,5 Quadratmeter. An der Lünertorstraße hat sie sich vor anderthalb Jahren ihren Lebenstraum erfüllt, eine eigene Weinbar. 18 Plätze für viel Geselligkeit und gemütliche Stunden, ein Ein-Mann-Betrieb. Seit Mitte März ist das „Alto Adige“ laut Corona-Verordnung geschlossen, bis diese Woche gab es keinen Zeitplan für eine Wiedereröffnung. Doch am Freitag verkündete das Land Niedersachsen, dass nunmehr auch Bars ab 8. Juni wieder öffnen können. Für Natalie Klemke wie auch für die Betreiber vieler anderer kleiner gastronomischen Einrichtungen ist das wahrscheinlich keine Perspektive. „Wir fühlen uns allein gelassen“, sagt sie.

Ein schmaler Eingang, links und rechts ein paar Tische, dann kommt schon der Tresen. Es sind gerade auch diese kleinen Bars in Altbauten, die Lüneburg so liebens- und lebenswert machen. Doch für die Betreiber ist genau diese Gemütlichkeit in Zeiten von Abstandsregeln mehr Fluch als Segen. Denn es gibt unzählige Fragen, auf die niemand eine Antwort weiß. Die wichtigste: Kann ich wirklich öffnen und alle Vorschriften einhalten und wie lauten diese Vorgaben eigentlich genau?

Natalie Klemke schiebt die Tische hin und her, versucht möglichst große Distanz zwischen die Stühle zu bringen. In einer Weinbar, in der viele sich kennen und die von Geselligkeit lebt, ist eigentlich schon das ein Widerspruch. Wie will man vermeiden, dass mal einer aufsteht und an den Nachbartisch geht? Wie ist es mit dem Eingangsbereich, in dem sich ja zwangsläufig Gäste begegnen? „Und bin ich dafür verantwortlich, wenn Gäste nach draußen zum Rauchen gehen und dort eng zusammenstehen?“, fragt sich die Gastronomin.

Ein Ringen um Begrifflichkeiten

Sie versteht, dass es Vorgaben geben muss und sie will keine Fehler machen. Schon im Interesse der Gesundheit aller. Auch in anderen Betrieben wird es schon mal eng, können Abstände nicht immer eingehalten werden in jeder Situation. Unsicherheit auf allen Seiten. Die Gäste wissen oftmals nicht, wann sie Masken anlegen müssen, ob beim Betreten des Lokals, auf dem Weg zur Toilette…

Auch für die Behörden ist das alles Neuland, oftmals ist es ein Ringen um Begrifflichkeiten. Wenn etwa das Land beschließt, dass zunächst nur Restaurants wieder öffnen durften, Kneipen und Bars aber nicht. „Das exakt zu formulieren, war schon eine Herausforderung, denn laut niedersächsischem Gaststättengesetz gibt es keine Unterschiede zwischen diesen Betrieben“, räumt Laura Gosciejewicz, Sprecherin des Wirtschaftsministeriums ein. Man einigte sich auf die Sprachregelung, dass zunächst Betriebe mit einer vorwiegenden Speisewirtschaft wieder öffnen dürfen, die, bei denen der Ausschank im Vordergrund steht, zunächst aber nicht.

Wie man aber feststellt, welche Konsumform überwiegt, regelte das Land nicht und schob diese Entscheidung auf die Ordnungsämter vor Ort weiter. Beim Landkreis Lüneburg hatte man es da in Sachen Pacos-Bar noch relativ leicht – wer auf der Homepage die „Speisekarte“ der Bar anklickt, bekommt auf den ersten acht Seiten eine Getränkeübersicht, inklusive „Tabletts mit 10er-Runden“. Die Speisen beschränken sich auf gerade mal anderthalb Seiten. Das Lüneburger Verwaltungsgericht bestätigte die Zwangsschließung und argumentierte ähnlich wie der Kreis.

Kein Interesse an Stress mit den Behörden

„Ein Anhaltspunkt ist der Umstand, ob echte Hauptspeisen auf der Karte stehen“, gibt Landkreis-Sprecherin Katrin Holzmann eine Orientierungshilfe. Im Alto Adige gibt es unter anderem Pizza, Natalie Klemke öffnete für ein paar Tage. Doch als die Situation ums Pacos eskalierte, hätte ihr die Behörde geraten, lieber wieder zu schließen, schildert sie.

Ob die Weinbar am 11. Juni wieder öffnet, ist unklar. Die Gastronomin ist da zwiegespalten, will sich noch beraten – mit wem auch immer. Betriebswirtschaftlich darstellbar wäre eine Beschränkung auf nur sechs Gäste wohl kaum, dazu immer die Sorge, doch etwas falsch machen zu können.

Felice Di Pietrantonio, der an der Rackerstraße die wohl kleinste Bar Lüneburgs betreibt, hat sich dagegen schon entschieden: „Ich mache erst auf, wenn der Betrieb regulär laufen darf“, sagt er. Gerade einmal 15 Quadratmeter inklusive Tresenbereich misst sein Lokal. „Bei mir macht die Geselligkeit den Charme aus, da bringt es nichts, wenn vielleicht zwei Gäste zeitgleich rein dürfen.“ Er habe kein Interesse an Stress mit den Behörden oder auf Gesundheitsrisiken, sagt Di Pietrantonio.

Von Thomas Mitzlaff