Freitag , 18. September 2020
Rund 100 Interessierte waren am Mittwochabend am Radegaster Feuerwehrhaus dabei, als dort über eine mögliche Rückdeichung der Elbe diskutiert wurde. Foto: Michael Behns

Für eine qualifizierte Begleitung

Radegast. Düstere Wolken zogen am westlichen Himmel auf, ein Gewitter grummelte im Hintergrund, es begann zu regnen – aber auch davon ließen sich rund 100 Radeg aster am Mittwochabend nicht abhalten, auf die Wiese am Feuerwehrhaus zu kommen. Thema eines Open-Air-Informationsabends war eines, das den Menschen in der Region seit Monaten unter den Nägeln brennt: eine mögliche Rückverlegung des Elbdeichs in ihrem Bereich.

Diskussion unter freiem Himmel

Bleckedes Bürgermeister Dennis Neumann und die Radegaster Ortsvorsteherin Angela Pabst hatten zu der „Mischung aus Informationsveranstaltung und Anwohnerversammlung“ (Neumann) eingeladen – angesichts der Coronakrise unter freiem Himmel und unter Wahrung des Sicherheitsabstands.

2016 hatte der Artlenburger Deichverband beim NLWKN (Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz) eine „Machbarkeitsstudie für eine Deichrückverlegung im Bereich der Stadt Bleckede, Flurlage Vitico“ in Auftrag gegeben. Vor einer Woche wurde die Studie intern beim Deichverband vorgestellt, seitdem ist sie auch im Internet einsehbar – manchem Anwohner hatte das zu lange gedauert.

In der Studie waren die Experten zu dem Ergebnis gekommen, dass aus mehreren untersuchten Möglichkeiten eine Rückdeichung um 150 Hektar „unter bestimmten Voraussetzungen umsetzbar ist“ und eine Weiterverfolgung dieser Maßnahme empfohlen. „Es ist noch längst nichts entschieden“, hatte Hartmut Burmester, Deichhauptmann des zuständigen Artlenburger Deichverbands nach Vorstellung der Studie betont.

Ausgleich im Fall einer Wertminderung

Fragen hatten die zum Radegaster Feuerwehrhaus Gekommenen viele. So wollte ein Landwirt wissen, ob es für die im Falle einer Deichrückverlegung ausgedeichten und damit im Wert geminderten Flächen eine Entschädigung gibt. Heiko Warnecke vom NLWKN wies darauf hin, dass ausgedeichte Flächen weiter bewirtschaftet werden können, dass es aber bei einer Wertminderung auch die Möglichkeit von Ausgleichszahlungen gibt.

Dass die Experten in ihrem Gutachten zu wenig auf die geschichtlichen Zusammenhänge eingehen, monierte eine Teilnehmerin. Warnecke dazu: „Uns ist es vor allem wichtig, nach vorn zu sehen.“ Darauf, dass Hochwasserschutz nur im Einklang mit den anderen Elbanrainern sinnvoll sei, wies eine Anwohnerin hin und fragte: „Wie weit sind die Überlegungen in Mecklenburg-Vorpommern?“ Heiko Warnecke: „Wir sind in regelmäßigem Austausch mit den anderen Bundesländern.“

Darauf, dass der Bund für die Unterhaltung der Bundeswasserstraße Elbe verantwortlich sein, wies ein Teilnehmer hin. Seit dem letzten Elbehochwasser im Jahr 2013 sei „nix gemacht“ worden, etwa bei den Sandbänken oder der Verbuschung. „In den letzten 20, 30 Jahren ist die Elbe nicht vernünftig unterhalten worden“ – dafür gab es zustimmenden Beifall. Heiko Warnecke versicherte, die zuständigen Stellen beim Bund auch daran zu erinnern.

Begleitausschuss soll kommen

Der weitere Fahrplan nach dem ersten Informationsabend, so Bürgermeister Neumann: Möglichst noch vor den Sommerferien soll es eine Bürgerversammlung geben, an der neben Vertretern des Artlenburger Deichverbands und des NLWKN auch an der Studie zur Deichrückverlegung beteiligte Gutachter teilnehmen sollen.

Im Anschluss daran will Neumann einen Begleitausschuss bilden, etwa sieben bis acht Personen stark und besetzt mit Interessierten, die sich mit den Gegebenheiten in der Region genau auskennen. Der Ausschuss soll sich intensiv mit der Materie befassen, kann bei Bedarf auch jeweils noch weitere Experten zu seinen Sitzungen hinzuziehen. Wer dabei sein möchte, kann sich melden, auch die Ortsvorsteher will Neumann um Vorschläge bitten.

„Die Ergebnisse der Beratungen sollen immer wieder transparent und öffentlich gemacht werden“, betonte der Bürgermeister. „Wir wollen eine qualifizierte Begleitung des Prozesses durch die Stadt Bleckede und am Ende eine qualifizierte Stellungnahme.“

Von Ingo Petersen