Samstag , 8. August 2020
2014 hat Sarah Jakob eine Lunge transplantiert bekommen. Heute, sechs Jahre nach der Operation, sei das Leben so leicht wie noch nie, sagt die 39-Jährige. Foto: t&w

Geschenk des Lebens

Lüneburg. Der erste Mensch, den Sarah Jakob in ihrem zweiten Leben hört, ist eine Krankenschwester: „Die schläft noch immer“, sagt sie zu irgendwem. Sarah überkommt Panik: „Oh Gott, wie lange denn schon?“ Sie ist mit lauter Schläuchen ans Bett gefesselt. Maschinen blinken. Eine weitere Schwester betritt das Zimmer. Sarah kann nicht allein atmen, kann nicht sprechen… aber schreiben: „Ich kriege keine Luft“, kritzelt sie auf einen Zettel. Die Schwester kommt und gibt ihr die Hand. Sarah drückt fest zu. „Wer so fest drückt, der kann auch atmen“, sagt die Schwester. Und sie sollte recht behalten: Wenige Stunden später schalten die Ärzte das Beatmungsgerät ab – und Sarah atmet selbstständig. Mit einer fremden Lunge. So tief ein und aus, wie schon lange nicht mehr.

Ein halbes Jahr lang musste sie auf die neue Lunge warten

So hat es sich jedenfalls in Sarahs Gedächtnis eingebrannt. Die ersten Stunden nach der OP, die ihr eine Lunge und ein zweites Leben schenkte. Sarah ist einer von mehr als 139.000 Menschen in Deutschland, die seit 1963 eine Organspende erhalten haben. Ein halbes Jahr hat sie auf ihre neue Lunge warten müssen – offiziell. Eigentlich hat sie aber schon als Kind gewusst, dass die Transplantation eines Tages ihre letzte Chance sein würde. Sarah lag noch in der Babywiege, da zwang sie die Stoffwechselerkrankung Mukoviszidose bereits zweimal täglich zur Inhalation. Krankengymnastik, Dehnübungen, Medikamente. Vor Klassenfahrten drückten ihre Eltern dem Lehrer jedes Mal einen Koffer voller Pillen in die Hand. Nahm sie die nicht, drohte ein Infekt. Schon damals bekam Sarah weniger Luft als andere, musste sie oft husten. Mukoviszidose ist nicht heilbar.

„Und dann muss man ja auch noch leben“, sagt die Lüneburgerin. Da sitzt sie draußen auf ihrer Terrasse, denkt kurz nach – und korrigiert: Nein, leben müsse man nicht, leben sei ein Geschenk. „Man muss das Leben nur auch mit Leben füllen.“ Das hat sie immer so gemacht, trotz allem – damals wie heute. Schon aus Respekt gegenüber dem Spender und seiner Familie. „Ich kann aber auch verstehen, wenn jemand sagt: Ich spende nicht. Dafür würde ich niemanden verurteilen“, erklärt die 39-Jährige.

Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) ist die Zahl der Organspender in Deutschland im vergangenen Jahr von 955 (2018) auf 932 zurückgegangen. Die Anzahl der gespendeten Organe sank von 3113 auf 2995. Damit ermöglichte jeder Spender mehr als drei Schwerkranken eine neue Lebenschance. Die Aufgabe der Organverteilung innerhalb der acht beteiligten Länder liegt bei Eurotransplant. Die 79 Transplantationszentren in den Mitgliedstaaten speisen alle wichtigen Merkmale von Patienten, die auf eine Organtransplantation warten, in die zentrale Datenbank von Eurotransplant ein. Sobald ein Spender gefunden ist, werden auch dessen Merkmale aufgenommen. Dann beginnt das Rennen gegen die Zeit.

Im Sommer 2014 bekam Sarah einen Anruf vom Arzt. Der teilte ihr mit, dass in einer halben Stunde ein Krankenwagen vor ihrer Tür stehen würde. „Wir haben eine Lunge für sie.“ Sarah kann sich noch genau an diesen Augenblick erinnern. „Ich dachte immer, dass ich total Angst kriegen würde“, erzählt sie. „Aber ich wurde ganz ruhig. Mein Schicksal lag plötzlich in anderen Händen, ich konnte nichts mehr tun.“

Kurz zuvor hatte sie ihren Mann kennengelernt – zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, fand Sarah. Damals wog sie keine 50 Kilo mehr, konnte sich kaum noch ohne Hilfe auf den Beinen halten. Immer hing sie am Sauerstoffgerät, ständig war ihr übel oder schwindelig. „Ich habe zu ihm gesagt: Such dir eine andere. Es ist gerade ganz doof bei mir.“ Doch er blieb. „Und das war das Beste, was passieren konnte“, sagt Sarah heute. „Er hat mich nicht in Watte gepackt und weiter gefordert.“ Mal ging es ins Theater, dann wieder zur Oper. „Und ich hatte einen Grund mehr, wofür ich das alles mache.“

Mehrfach hing ihr Leben am seidenen Faden

Eines Abends, kurz vor der Operation, sagte sie zu ihrem Freund: „Falls ich das nicht überleben sollte, musst du wissen: Ich hätte dich geheiratet.“ Aber eine Hochzeit ohne Tanz – das käme nicht infrage. Und an Tanzen war damals nicht zu denken.

Auch nach der OP sollte es noch knapp zwei Jahre dauern, bis Sarah wieder ein normales Leben führen konnte. Auf drei Wochen im Krankenhaus folgten weitere drei Wochen Reha-Aufenthalt und immer wieder kritische Zeiten, in denen sie zwischen Zuhause und Krankenhaus pendelte. Ihr Körper nahm die Lunge zwar an, doch eine Tuberkulose- und eine Pilzinfektion machten ihr das Atmen schwer. Mehrfach hing ihr Leben am seidenen Faden. Doch Sarah kämpfte: „Man hat ja auch eine Verantwortung dem Spender und den anderen Wartenden gegenüber. Das ist ein Geschenk. Und so muss man damit auch umgehen.“

Das Haus verließ sie lange Zeit nur mit Maske. Noch immer muss sie Medikamente nehmen, die verhindern sollen, dass ihr Körper die Lunge abstößt. Die Corona-Krise zwingt sie heute mehr denn je zur Vorsicht, denn Sarah gehört zur Risikogruppe. Schon als die ersten Fälle bekannt wurden, ging sie nicht mehr einkaufen – zur Sicherheit. Masken ist sie bereits gewöhnt und Desinfektionsmittel gehörte schon immer zu ihrem Alltag. Trotzdem: Sechs Jahre nach der OP sei das Leben leichter als je zuvor, sagt Sarah. Sie mag gar nicht daran denken, dass das nicht ihre letzte Transplantation gewesen sein könnte. „Im Durchschnitt hält so eine Lunge acht Jahre“, weiß Sara. Sie zuckt mit den Schultern. „Aber vielleicht schafft sie ja auch 20.“

Seit ein paar Jahren arbeitet sie wieder als Pädagogin beim Landkreis Harburg. Sie joggt sogar – vier Kilometer am Stück. Sarah lacht. „Wenn ich nicht mehr kann, denke ich: Sei froh, dass du überhaupt wieder laufen kannst – und renne noch ein Stück weiter.“ Ach ja, und geheiratet hat sie auch. Es war ein rauschendes Fest und Sarah hat getanzt – bis morgens um 4 Uhr.

Von Anna Petersen

Der Verein Transplant-Kids

Angebote für organtransplantierte Kinder und Jugendliche

Sarah Jakob engagiert sich als 2. Vorsitzende beim Verein Transplant-Kids für organtransplantierte Kinder, Jugendliche und Familien. Der Verein mit Sitz in Bienenbüttel hat zum Ziel, Familien zu helfen, nach der Transplantation in ein halbwegs geregeltes Alltagsleben zurückzufinden. Mit Ferien-Camps und anderen Veranstaltungen wird das Kennenlernen anderer mit ähnlichen Biografien und der verantwortungsvolle Umgang mit dem Spenderorgan gefördert. Die Kosten für Unterkunft, Verpflegung, Räume und Material werden zu einem großen Teil durch Spenden gedeckt. Die Betreuer helfen ehrenamtlich bei der Nachsorge.