Sonntag , 27. September 2020
Der Lüneburger Flugplatz aus der Vogelperspektive. (Foto: be)

Pro und Contra zum Flugplatz (Teil 4)

Lüneburg. In gut einer Woche startet Lüneburgs erster Bürger­entscheid. Knapp 60000 Einwohnerinnen und Einwohner ab 16 Jahren sind am 14. Juni aufgerufen, eine Frage mit Ja oder Nein zu entscheiden: „Soll die Hansestadt Lüneburg mit dem Luftsportverein Lüneburg e.V. einen Vertrag über den Weiterbetrieb des Flugplatzes Lüneburg über den 31.10.2020 hinaus für 15 Jahre abschließen?“

Die LZ will auf verschiedenen Kanälen über diese Streitfrage informieren und ein Forum für Fragen bieten. Heute nun der vierte Teil einer fünfteiligen Serie, in der beide Seiten jeweils gleichberechtigt zu Wort kommen. Heute nehmen Bürgerentscheid-Mitinitiator Axel Rokohl und Oberbürgermeister Ulrich Mädge (SPD) zur Frage „Stadtentwicklung sollte zum Nutzen und Wohle aller Bürger sein. Was sind für Sie die wesentlichen Bausteine?“ Stellung.

Zugleich können Sie Ihre Fragen stellen. Am 9. Juni werden diese um 16 Uhr beantwortet von Richard Meier, 1. Vorsitzender des Luftsportvereins, und Ulrich Blanck (Grüne), Sprecher der Stadtrats-Gruppe Grüne/CDU/FDP, aber auch von Rokohl und Mädge. Es ist das einzige Streitgespräch zwischen beiden Seiten. Wegen der Corona-Pandemie muss es ohne Publikum stattfinden, kann aber auf Facebook live verfolgt werden. Die wesentlichen Inhalte werden anschließend in der LZ abgedruckt.

Ihre Fragen senden Sie bitte bis zum 8. Juni per Mail an marc.rath@mh-lg.de oder per Post an die Redaktion der Landeszeitung, Am Sande 16-20, 21335 Lüneburg. lz

Frage 4: Stadtentwicklung sollte zum Nutzen und Wohle aller Bürger sein. Was sind für Sie die wesentlichen Bausteine?

 

  • Axel Rokohl
  • Ulrich Mädge

Für den Luftsportverein antwortet: Axel Rokohl (Antragsteller für das Bürgerbegehren)

Stadtentwicklungsplanung ist originäre Aufgabe des Rates der Hansestadt Lüneburg und nicht Aufgabe des Luftsportvereins. Es ist jedoch festzustellen, dass die Fraktionen im Rat seit langer Zeit erkannt haben, dass bei der Erschließung von Wohn- und Gewerbeflächen planlos vorgegangen wird und Vorhaben je nach den momentanen Bedürfnissen einzelner Akteure umgesetzt werden. Das führt letztendlich dazu, dass ein Flickenteppich bzgl. der verkehrlichen Infrastruktur, der ökologischen und der stadtklimatischen Erfordernisse entsteht.

Warum berät und beschließt der Stadtrat nicht endlich das von allen geforderte und herbeigesehnte Stadtentwicklungskonzept? Liegt es daran, dass die Verwaltung nicht die erforderlichen Grundlagen erarbeitet und vorlegt, weil dadurch natürlich die Möglichkeit eingeschränkt würde, nach eigenem Dafürhalten beabsichtigte Planungen umzusetzen?

Hier schließt sich der Kreis. Der Flugplatz, der nach der regionalen Raumordnungsplanung Bestandteil der verkehrlichen Infrastruktur ist, soll ungeachtet der stadtklimatischen und ökologischen Folgen gewerblich bebaut werden, obwohl parallel Verhandlungen für den Erwerb von 100 ha Gewerbefläche im Plangebiet Bilmer Berg II geführt werden.

Gehört nicht auch der Erholungs- und Freizeitwert sowie Raum für zukünftige Mobilitätsentwicklungen zu einer Stadtentwicklungsplanung? Gehören eine bunte Vereinslandschaft, ein bereitgefächertes Freizeitangebot an die Bürger und der Katastrophenschutz nicht auch dazu?

Die Verwaltung und Teile des Rates meinen mit drei bis vier Gewerbegrundstücken eine Entzerrung bei der angeblichen Nachfrage erzielen zu können. Oder geistert in einigen Köpfen vielleicht, entgegen der jetzigen verbalen Bekundungen, der Gedanke umher, letztendlich doch scheibchenweise das gesamte Flugplatzgelände, ohne Rücksicht auf ökologische und stadtklimatische Folgen, zu bebauen? Erforderliche Erschließungsstraßen auf dem Gelände und geplante Photovoltaikanlagen in einer Kaltluftschneise lassen schlimmes befürchten und komplettieren den Flickenteppich!

 

Für die Hansestadt antwortet: Ulrich Mädge (SPD, Oberbürgermeister)

Rund 80 000 Menschen leben in Lüneburg. Jüngere und Ältere, Kinder, Frauen, Männer, Menschen mit verschiedenen Berufen, Bedürfnissen, Interessen. Nur die wenigsten der 80 000 sind Mitglied im LVL – und jene, die dort fliegen, sind auch Nicht-Lüneburger, die den Platz bevorzugen, weil er für sie gut gelegen ist und im Vergleich sehr preiswert. Deutlich mehr Menschen in unserer Stadt sind vom Landeplatz betroffen, 24 000 sind im 2,5-km-Radius dem Überfliegen mit entsprechenden Emissionen und Risiken täglich ausgesetzt. Durch die Konversion der Schlieffen-Kaserne werden bis 2023 noch 650 dringend benötigte Wohnungen entstehen.
Diese Fakten muss zur Kenntnis nehmen, wer Stadtentwicklung im Zusammenhang mit dem Flugplatz thematisiert.

Der Platz als Quartier der Sportflieger, das sollte nie eine Lösung auf Dauer sein. Erwartungen an eine wirtschaftliche Bedeutung erfüllten sich nicht.
Stadtentwicklung muss Veränderungen aufgreifen, gestalten und versuchen verschiedenen Bedarfen gerecht zu werden. Zugleich muss sie Prioritäten setzen, um die nötigen Erfordernisse für das Zusammenleben zu erfüllen. Rund 27 000 Lüneburgerinnen und Lüneburger pendeln täglich zur Arbeit. Nicht erst Corona und Homeoffice machen deutlich, wie viel Lebensqualität das kostet. Auch das Klima bezahlt einen Preis.

Darum ist Arbeit und Wohnen in einer Stadt so wertvoll. Darum braucht Lüneburg den Mittelstand und seine Arbeitsplätze. Die Menschen, die hier leben und arbeiten, brauchen kurze Wege, Einrichtungen für Gesundheit, Soziales, Sicherheit, Kitas und Schulen für ihre Kinder, Kultur-, Freizeit-, Sportangebote. Finanziert werden kann all das wiederum nur durch Einnahmen, Gewerbesteuer vor allem.

Stadtentwicklung lebt von der Abwägung: Was ist wichtig, wer braucht was? 20 ha Fläche, nur damit Wenige fliegen können und weil es „schon immer“ so war? Ein Fußballplatz fasst knapp 1 ha, die größten Sportvereine der Stadt haben Tausende Mitglieder, nur zum Vergleich. Ein Flugplatz mitten in der Stadt ist kein Modell für Lüneburgs Zukunft.

Mehr dazu:

Pro und Contra zum Flugplatz (Teil 1)

Pro und Contra zum Flugplatz (Teil 2)

Pro und Contra zum Flugplatz (Teil 3)