Samstag , 26. September 2020
So leer ist es sonst nie: Normalerweise überqueren bis zu 2500 Menschen gleichzeitig diese Kreuzung im Zentrum von Tokio, wenn die Ampeln grün sind. Wiebke Buß aus Vögelsen lebt zurzeit in der japanischen Hauptstadt. Fotos: privat

Mit Disziplin durch die Krise

Vögelsen/Tokio. Anfang März, als das Coronavirus langsam die Welt eroberte, stieg Wiebke Buß in den Flieger und machte sich auf nach Tokio. Sie sei eine der letzten gewesen, die überhaupt noch ins Land gelassen wurden, sagt sie. Gezögert habe sie trotz der sich zuspitzenden Situation keine Sekunde. Und auch, als das Virus immer mehr Raum einnahm, wollte die 29-Jährige nicht zurück nach Vögelsen, wo ihre Familie lebt. „Ich habe mich hier in Japan sicher gefühlt. Außerdem hatte ich hier viel mehr Freiheiten.“ Denn in Japan waren Lockdown und Kontaktbeschränkungen nur Empfehlungen.

Eigentlich wollte Wiebke Buß, die bereits sieben Mal in Japan war, dort ein Jahr lang arbeiten und reisen. „Beides gestaltete sich in den letzten zwei Monaten natürlich etwas schwierig“, meint sie. Einen Job habe sie bisher nicht finden können, da auch in Japan die Wirtschaft unter dem Coronavirus leide. Und aus Vorsicht habe sie sich vorerst gegen das Reisen entschieden – obwohl die Züge noch fuhren und es kein direktes Verbot gab.

Schließungen waren freiwillig

Nur an die empfohlenen Kontaktbeschränkungen habe sie sich nicht ganz so streng gehalten, gibt die ehemalige Leuphana-Studentin zu: „Ich habe meine Freunde weiterhin getroffen. Vielleicht war das blauäugig, allerdings ist es bisher gut gegangen.“

Möglich war das, weil die Regierung in Japan den Menschen keine Einschränkungen auferlegen darf. Maßnahmen wie die Schließung der Restaurants, Bars und Geschäfte waren somit freiwillig – dennoch habe der Großteil diese umgesetzt, so die Beobachtung von Wiebke Buß.
„Man kann den Eindruck gewinnen, dass die Japaner disziplinierter sind als wir Deutschen. Oder vielmehr: Sie sind harmoniebedürftiger. Harmonie und Einklang spielen in der japanischen Kultur eine große Rolle. Wahrscheinlich gab es deshalb auch keine Demonstrationen, keine lauten Kritiker oder Verschwörungstheoretiker. Ich habe das zumindest nicht mitbekommen.“

Andererseits würden Empfehlungen auch weniger Protest auslösen als strikte Regeln, vermutet Buß. Zudem seien einige Maßnahmen zur Eindämmung des Virus für die Japaner ohnehin alltäglich und somit keine Einschränkung gewesen.

„Eine Maske trägt hier sowieso jeder, auch in der Fußgängerzone. Zur Begrüßung umarmt man sich eigentlich nicht, man gibt sich nicht mal die Hand“, führt Buß aus. Die einzige Veränderung, die man derzeit beobachten könne, sei, dass auch in Tokio nur eine bestimmte Anzahl an Kunden in die Läden dürfe, dort werde außerdem oft Fieber gemessen.

Sorge vor zweiter Welle bleibt

Die japanische Regierung gab vor wenigen Tagen an, das Virus weitestgehend unter Kontrolle zu haben. „Geschäfte, Bars und Restaurants öffnen wieder, die Straßen füllen sich,“ beobachtet Buß. „Ich weiß nicht, ob hier wirklich so wenig getestet wird, wie ja kritisiert wurde, oder ob die Infektionen tatsächlich zurück gehen, vielleicht auch wegen der warmen Sommertemperaturen. Wir haben hier seit zwei Wochen um die 30 Grad.“

Eine zweite Welle scheint aber auch in Tokio nicht undenkbar. „Es gibt Regionen, in denen die Fallzahlen wieder hochgehen. Deshalb bereitet man sich hier auch schon darauf vor“, sagt Buß.

Ihr bliebt also lediglich zu hoffen, dass sie die restlichen zehn Monate ihres Japan-Visums noch ausnutzen kann. „Ein bisschen reisen wollte ich schon noch. Aber warten wir mal ab, was noch alles auf uns zukommt.“

Von Lilly von Consbruch

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