Mitglieder des Rates der Stadt besuchen den Flugplatz Lüneburg. (Foto t&w)

Pro und Contra zum Flugplatz (Teil 1)

Lüneburg. In knapp zwei Wochen startet Lüneburgs erster Bürger­entscheid. Knapp 60.000 Einwohnerinnen und Einwohner ab 16 Jahren sind am 14. Juni aufgerufen, eine Frage mit Ja oder Nein zu entscheiden: „Soll die Hansestadt Lüneburg mit dem Luftsportverein Lüneburg e.V. einen Vertrag über den Weiterbetrieb des Flugplatzes Lüneburg über den 31.10.2020 hinaus für 15 Jahre abschließen?“

Nein, finden Stadtrat und Verwaltung der Hansestadt. Gegen den Beschluss des Stadtrates vom Oktober 2019 hatte der Luftsportverein 11.762 Unterschriften gesammelt. Fast doppelt wie für die Einleitung eines Bürgerentscheides nötig gewesen wären.

Am zweiten Juni-Sonntag entscheiden nun die Lüneburgerinnen und Lüneburger. Stimmen mindestens 11.846 mit „Ja“ (das wären 20 Prozent der Wahlberechtigten) und hätten sie zudem die Mehrheit der abgegebenen Stimmen, wäre der Beschluss des Stadtrates gekippt.

Die LZ will in den nächsten Tagen auf verschiedenen Kanälen über diese Streitfrage informieren und ein Forum für Fragen bieten. Wir starten ab heute eine fünfteilige Serie, in der beide Seiten jeweils gleichberechtigt zu Wort kommen. Zum Auftakt nehmen Bürgerentscheid-Mitinitiator Axel Rokohl und Oberbürgermeister Ulrich Mädge (SPD) zur Frage „Was spricht für beziehungsweise gegen den Erhalt des Flugplatzes?“ Stellung.

Zugleich können Sie ab heute Ihre Fragen stellen. Am 9. Juni werden diese um 16 Uhr beantwortet von Rokohl und Mädge aber auch vom Vorsitzenden des Luftsportvereins Lüneburg, Richard Meier, und dem Sprecher der Stadtrats-Gruppe Grüne/CDU/FDP, Ulrich Blanck (Grüne). Es ist das einzige Streitgespräch zwischen beiden Seiten. Wegen der Corona-Pandemie muss es ohne Publikum stattfinden, kann aber auf Facebook live verfolgt werden. Die wesentlichen Inhalte werden anschließend in der LZ abgedruckt.

Ihre Fragen senden Sie bitte bis zum 8. Juni per Mail an marc.rath@mh-lg.de oder per Post an die Redaktion der Landeszeitung, Am Sande 16-20, 21335 Lüneburg.

Von Marc Rath

 

Frage 1: Was spricht für/gegen den Erhalt des Flugplatzes?

 

  • Axel Rokohl
  • Ulrich Mädge

Für den Luftsportverein antwortet: Axel Rokohl (Antragsteller des Bürgerbegehrens)

Der Flugplatz ist die Existenzgrundlage des Luftsportvereins und des Lüneburger Feuerwehrflugdienstes (FFD). Ohne ihn werden der Verein und die gewachsene Organisation des FFD zerstört. Die jahrelang geleistete ehrenamtliche Tätigkeit im FFD war dann umsonst, die Jugendarbeit, der erfolgreiche Leistungssport und die erbrachte Arbeitsleistung der Mitglieder des LVL würden ohne Not zerstört.

Der Flugplatz an diesem Standort reicht bis zum Jahr 1935 zurück. Bis heute wurde kein außenstehender Dritter je durch den Flugbetrieb geschädigt. Der Flugplatz ist eine öffentliche Verkehrseinrichtung. Er ist in der Regionalen Raumordnungsplanung festgeschrieben, weil ihm auch eine wirtschaftliche Bedeutung zukommt. Trotzdem wurden flugplatzaffine Unternehmen, die sich jüngst ansiedeln wollten, von der Hansestadt abgewiesen.

Der Flugplatz diente wiederholt Einsatzkräften im Rahmen des Katastrophenschutzes. Er ist die letzte große Freifläche für heute noch unvorhersehbare Ereignisse oder Veranstaltungsvorhaben. Der Flugplatz ist ein attraktives Ausflugsziel und der gemeinnützige Luftsportverein, mit seinem Vereinszweck, ist ein Freizeitangebot für die Bürger.

Über die Jahre hat sich parallel zum Flugbetrieb ein ökologisch wertvolles Biotop auf dem Gelände entwickelt, mit Artenvielfalt an Vögeln, Insekten und Pflanzen auf der Roten Liste NDS. Das Gelände ist die letzte verbliebene östliche Kaltluftschneise der Stadt. Entgegen der Ansicht des Oberbürgermeisters erfüllt die Fläche auf dem Bundeswehrgelände, aufgrund betonierter Hallenvorfelder, Parkplätzen und Straßen, diese Funktion nicht. Sollte zu einem Oberzentrum wie Lüneburg nicht auch ein Flugplatz gehören, auch für zukünftige Entwicklungen der Mobilität?

Die Argumente des Oberbürgermeisters, ein Verkauf von sechs bis acht Hektar, abzüglich einzurichtender Erschließungsstraße, Umbau der Zeppelinstraße und Erwerb von nötigen Ausgleichsflächen, würde den Haushalt der Stadt finanzieren, mehr als 400 Arbeitsplätze schaffen und vieles mehr, halten nicht einmal einer oberflächlichen Überprüfung stand.

Für die Hansestadt antwortet: Ulrich Mädge (SPD, Oberbürgermeister)

Ein Teil der Lüneburger/innen beobachtet den Flugverkehr mit Sorge und Angst und fühlt sich davon belastet. Angesichts der Beschlüsse des Rates (2014, 2019)

konnten sie mit einem Ende der Belastung rechnen. Diese Menschen sind ernst zu nehmen. Im 2,5-km-Radius rund um den Landeplatz leben rund 24 000 Personen, 14 Kitas und zwölf Schulen liegen dort mit mehr als 4000 Kindern und Jugendlichen. Das sind Fakten. Der jetzige Platz umfasst alles in allem 20 Hektar. Die Nutzung beschränkt sich vor allem auf einige Flieger, nur zum Teil Lüneburger. Einen Nachweis über einen ernstzunehmenden Bedarf für Wirtschaft und Tourismus hier vor Ort bleibt uns der LVL e.V. schuldig. Zum Ratsbeschluss 2012 wurde der Anteil der Geschäftsflüge zuletzt beziffert: auf 3,1 Prozent.

Acht Hektar der Fläche sind seit den 1980er-Jahren Gewerbegebiet. Gewerbeflächen sind in Lüneburg stark nachgefragt, wir haben aber praktisch keine freie, verfügbare Fläche zu bieten. Dargelegt haben wir unsere Überlegung, maximal rund 40 Prozent der Fläche zu bebauen – je nach Ergebnis der beauftragten ökologischen Gutachten auch weniger. Kaltluftschneisen und Ausgleichsflächen sind gesichert.

Unternehmen, die sich in Lüneburg nicht entwickeln können, wandern ins Umland ab. Das ist keine Drohung, sondern eine Tatsache. Jeder mit ein wenig Ahnung von Wirtschaft, weiß: Unternehmen unternehmen etwas – und zwar nach Bedarf und vorhandenen Möglichkeiten. Sie wägen ab und entscheiden. Im Zweifel eben für Winsen, Uelzen oder Buchholz, wo freie Flächen sind.

Aber auch Lüneburg braucht Arbeitsplätze und Gewerbesteuer. Verfügbare Flächen im Gewerbegebiet nicht zu nutzen, wäre ein Leichtsinn, der über kurz oder lang den finanziellen Spielraum aller Bürger/innen für städtische Projekte beschränkt.

Das ist besonders wichtig mit Blick auf den Corona-bedingten Anstieg der Arbeitslosenzahlen: Im April gab es für den Kreis Lüneburg einen Anstieg (vgl. 04/2019) um 15,8 Prozent (5834 Personen aktuell), rund 20 000 Menschen sind in Kurzarbeit. Und ich fürchte, es kommt noch dicker.

Fortsetzung folgt.