Samstag , 26. September 2020
Theresa Wedke (vorne) und Brigitte Thiele ziehen an einem Strang, wenn es darum geht, über das Thema Multiple Sklerose zu informieren. (Foto: t&w)

Stärker als Multiple Sklerose

Lüneburg. Die Diagnose ist nicht einfach, denn die Erkrankung geht mit einer Vielzahl von Symp­tomen einher und verläuft bei jedem Betroffenen anders. Multiple Sklerose wird deshalb auch die Erkrankung mit den 1000 Gesichtern genannt, und sie hat für Betroffene unterschiedliche Handicaps zur Folge. Damit zu leben, „bedeutet schon so etwas wie eine Stopptaste. Aber daraus kann sich auch etwas Neues und Positives entwickeln“, wissen Theresa Wedke (23) und Brigitte Thiele (50) aus Erfahrung.

Wie Brigitte Thiele mit Walking-Stöcken eine Bank im Kurpark ansteuert, lässt vermuten: die Frau ist sportlich unterwegs. Doch sie nutzt sie anstelle eines Krankenstockes, weil die rechte Hand und das rechte Bein nach einem Schub kraftloser sind. „Allerdings walke ich auch.“ Die Diagnose MS liegt bei ihr zehn Jahre zurück. Damals hatte sie eine Sehnerv-Entzündung. „Ich guckte, als wenn ich betrunken bin.“ Nach einigem hin und her schickte der Augenarzt sie zum Neurologen, der dann die Erkrankung feststellte. Kein Schock für sie. Denn einige Jahre zuvor hatten Ärzte im Zusammenhang mit einer Darmentzündung schon vermutet, dass sie an MS leiden könnte. „Und überhaupt, jammern und klagen nützt ja nichts. Ich bin ein positiv denkender Mensch.“

Theresa Wedke hat auf einer gegenüber gestellten Bank Platz genommen. Sie war 21, als ihr Sehprobleme zu schaffen machten und sie anhaltendes Kribbeln in Beinen und Armen hat. Zig Untersuchungen, „die sehr belastend waren“, und schließlich diagnostizierte auch bei ihr ein Neurologe MS. Das hat ihr Leben „komplett gewendet“, wie sie sagt. Die junge Frau hatte eine Ausbildung zur Chemisch-technischen Assistentin gemacht. Nach dem zweiten Schub bekommt sie zitternde Hände und ihr ist schnell klar, sie wird in ihrem Beruf nicht wie vorgesehen arbeiten können. Doch anstatt an ihrer Erkrankung zu verzweifeln, nimmt sie diese auch als Chance wahr, neue Perspektiven zu entwickeln. Sie jobbt in einem Bioladen, wird voraussichtlich ab Oktober an der Leuphana Sozialpädagogik studieren. Damit sei sie näher an den Menschen dran, freut sich die 23-Jährige über ihren neu eingeschlagenen Weg.

Austausch ist wichtig

Brigitte Thiele ist kurz nach der Diagnose verrentet worden, das bedeutet finanzielle Einschränkungen. Sie hat sich damit arrangiert. Auch damit, dass sie nicht mehr Inliner fahren kann – sie walkt inzwischen, wie gesagt. Und sie liebt es, im Garten zu arbeiten, zu stricken und zu nähen. Ein Leben in einem etwas langsameren Modus, denn Erschöpfungszustände machen ihr oft zu schaffen.

Dennoch: unterkriegen lassen ist nicht. Ganz im Gegenteil, sie engagiert sich in der Lüneburger Kontaktgruppe der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG). Auf die war sie aufmerksam geworden durch Waltraut Heus, die seit vielen Jahren die DMSG-Beratungsstelle Lüneburg/Winsen leitet und die Unterstützung für den „Run for Help“ suchte. Brigitte Thiele packte mit an, lernte aber auch die Kontaktgruppe zu schätzen. „Es ist wichtig, sich mit anderen Betroffenen über die Krankheit und Probleme auszutauschen.“ Inzwischen organisiert sie nicht nur die regelmäßigen Treffen mit, sondern ist als Delegierte im Landesverband für die Belange von MS-Erkrankten aktiv.

Theresa Wedke ist jüngstes Mitglied der Gruppe. Auch ihr ist der Austausch wie auch das Engagement für die Gruppe wichtig. Vor Corona hat sie Musical-Besuche, Bootstouren und Ausflüge mitorganisiert. Jetzt ist sie mit Waltraut Heus dabei, Online-Spieleabende für Betroffene anzubieten, „damit man wieder zusammenkommt“, sagt sie mit einem anpackenden Lächeln.

Stärker als Multiple Sklerose – dieses Motto füllen die beiden Frauen aus. Dass manches langsamer geht, sie bei Wetterumschwung zum Beispiel von Schwindel und Erschöpfung gehandicapt sind, nehmen sie hin. Was sie hingegen kritisch sehen, ist das Denken einer Leistungsgesellschaft, „die den Einzelnen misst an besser, höher und weiter“. Das ist nicht nur für Menschen mit Handicap fatal. Die beiden Frauen wünschen sich da ein Umdenken.

Fakten & Hilfe

Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Krankheit, die das zentrale Nervensystem betrifft. 70 Prozent der Betroffenen sind Frauen, das typische Erkrankungsalter liegt zwischen 20 und 40 Jahren. Die Erkrankung kann sehr unterschiedlich verlaufen. Meistens beginnt sie schubförmig, mit zeitweilig beschwerdefreien Phasen, und kann später in einen sekundär fortschreitenden Verlauf übergehen. 10 bis 15 Prozent der Patienten haben von Anfang an einen fortschreitenden Verlauf. MS lässt sich bislang nicht heilen, aber gut behandeln.

Die DMSG-Beratungsstelle Lüneburg/Winsen ist Ansprechpartner für Erkrankte und Angehörige. Sie unterstützt auch die örtlichen MS-Kontaktgruppen und organisiert Benefizveranstaltungen. Sie ist zu erreichen unter (04171) 62924 oder per Mail an: heus@dmsg-niedersachsen.de Infos zur DMSG-Kontaktgruppe gibt es auch hier im Netz.

Von Antje Schäfer