Sonntag , 20. September 2020
Schaukeln am 85. Geburtstag: Elisabeth Müller mit ihren Enkeln Cord, Claus, Henning, Hans-Ulrich und ihrer Tochter Martina. (Foto: privat)

Die Schaukel-Wette

Lüneburg. Die älteste Teilnehmerin ist Elisabeth Müller: An ihrem 85. Geburtstag hat sie sich auf die Schaukel im Garten ihrer Tochter gesetzt und sich für den Pastor der evangelischen St. Michaelis-Kirche ablichten lassen. Denn Stephan Jacob hat Anfang Mai eine Wette aufgestellt: „Ich schaffe es, bis Pfingsten 50 Leute auf die Schaukel zu bringen.“ Genau 100 Menschen haben Jacob ein Foto oder Video von sich auf einer Schaukel geschickt: Damit hat er die Wette gewonnen. Nun entsteht ein Film aus dem Material.

Eigentlich hatte der Pastor das Alter für seine Wette auf 75 Jahre begrenzt. „Da habe ich aber recht schnell eine empörte Nachricht einer 82-jährigen Dame bekommen, die meinte sie sei sehr traurig, dass sie nicht mitmachen könne. Schaukeln habe doch nichts mit dem Alter zu tun“, sagt Jacob. Das hat ihn besonders gefreut, denn genau diese Kommunikation und Interaktion habe er sich gewünscht. „Astrid Lindgren hat mal gesagt, es gebe kein Gesetz, das verbietet, dass alte Menschen auf Bäume klettern dürfen. Das gleiche gilt wohl auch für das Schaukeln“, meint Jacob.

Die Idee entstand durch einen Artikel in der Landeszeitung, erzählt er, „mit dem Titel ‚Rutsche ins Glück‘. Da habe ich gemerkt, dass etwas in der Luft liegt: Die Leute wollen raus und fröhlich sein, auch wenn diese Zeit eigentlich total doof ist.“ 50 Menschen sollten es sein, weil „Pfingsten“ übersetzt fünfzigster Tag heißt.

„Ich glaube, dass Schaukeln eine Ur-Erfahrung des Menschen ist.“ – Stephan Jacob, Pastor

„Letztlich hat sich die Zahl aber sogar verdoppelt“, freut sich Jacob. Kinder haben ihre Großeltern motiviert, diese haben teilweise auch alte Kinderfotos von sich beim Schaukeln eingeschickt. Und nicht nur ihm bekannte Gesichter fanden sich auf den Bildern und Filmen wieder. „Das hat Wellen in die ganze Welt geschlagen. Wir haben auch ein Video von einer Frau, das sieht aus, als wäre sie irgendwo in Thailand. Niemand von uns kennt sie“, sagt der Pastor.

Warum so viele Menschen mitgemacht haben, kann Jacob nur vermuten. „Ich glaube, dass Schaukeln eine Ur-Erfahrung des Menschen ist. Jeder wurde in den Armen seiner Mutter, seines Vaters oder seiner Großeltern geschaukelt.“ Außerdem sei die Wette eine gute Gelegenheit gewesen, wieder etwas gemeinsam zu tun und auch über die Vergangenheit zu reden. „Fast jeder hat seine halbe Kindheit auf einer Schaukel verbracht“, denkt Jacob.

Um nun auch im Nachhinein möglichst viele Menschen an der Wette teilhaben zu lassen, gibt es bereits einen ersten Film, einen zweiten nun zu Pfingsten. „Die Filme sind in Zusammenarbeit mit dem Musiker und Komponisten Daniel Stickan und der Leiterin unseres Kinder- und Jugendchors Dörte Lorkowski entstanden“, erzählt Jacob. Denn der Chor habe im Januar die CD „Luftmusik“ aufgenommen, dessen letztes Lied „Die Schaukel“ heißt. „Das hat natürlich perfekt gepasst. Deshalb sind die Videos mit der lebensfrohen Musik untermalt.“

Zu sehen sind die Videos auf YouTube.

Von Lilly von Consbruch