Sonntag , 20. September 2020
Die drei gestern verurteilten Angeklagten mit ihren Verteidigern. Plexiglas soll die Ansteckungsgefahr im Gericht mindern. Foto: Michael Behns

Gestohlener Audi verriet die Hehler

Lüneburg. Selbst wenn man sich beim Ausschlachten gestohlener Autos auf die Marke spezialisiert, die mit dem Slogan „Vorsprung durch Technik“ wirbt, ist man vor dem Versagen der Technik nicht gefeit. In dem zur Werkstatt umgebauten Stall eines Resthofes in Soltau-Penzhorn, in dem drei polnische Männer 21 gestohlene Audis zerlegten, um die Einzelteile in Polen zu verkaufen, hing eigens ein „Jammer“, ein Gerät zum Blockieren von GPS-Signalen. Doch am 21. November 2019 versagte das Gerät. Der Besitzer eines im schleswig-holsteinischen Tang­stedt gestohlenen, 150.000 Euro teuren Audi ortete seinen Wagen südöstlich von Soltau. Fahnder rückten an, Tomasz S. (42), Sylwester S. (38) und Pawel K. (24), der das erste Mal mit von der Partie war, flogen auf.

Am Donnerstag erhielt das Trio vor dem Landgericht die Quittung. Und die fiel recht unterschiedlich aus. Der jüngste der Drei, der schon bei seiner Premiere als Hehler erwischt wurde, erhielt acht Monate auf Bewährung. Die beiden älteren Initiatoren des grenzüberschreitenden kriminellen Handels erhielten Haftstrafen von jeweils drei Jahren und sechs Monaten.

Vorwürfe verlieren etwas an Wucht

Der Prozess kam damit schon am zweiten Verhandlungstag zu einem Ende. Ermöglicht wurde dies durch die Geständnisse der Männer und eine Absprache zwischen 1. Großer Strafkammer, Anklage und Verteidigern. „Hätten wir durchverhandelt, wäre das Verfahren nach vorsichtiger Schätzung Weihnachten beendet gewesen“, sagte der Vorsitzende Richter Dr. Michael Herrmann.

Im Verfahren verloren die Vorwürfe etwas an Wucht. Lautete die Anklage noch auf schweren Bandendiebstahl oder gewerbsmäßige Bandenhehlerei wurden die Männer nun wegen gewerbsmäßiger Hehlerei verurteilt. Das senkte den möglichen Strafrahmen erheblich.

Tomasz S. hatte beteuert, die Wagen nicht selbst gestohlen, sondern von Dieben gekauft zu haben. Als möglicher Adressat für die heiße Ware sei er in der Hamburger Szene bekannt gewesen, weil er auch ganz legal Unfallautos aufkaufte und reparierte.

Unbeschriebene Blätter

Bezahlt hätten die Hehler den Autoknackern fünf bis zehn Prozent des Zeitwerts der Audis. Und da hatte es Tomasz S. in der U-Haft schon gewurmt, dass die Staatsanwaltschaft einen Gesamtschaden von 846.500 Euro errechnet hatte. Hinter Gittern arbeitete er die Liste der 21 erbeuteten Pkw ab, ermittelte ihren Zeitwert mit vergleichbaren Wagen auf mobile.de. Die Fleißarbeit hat sich gelohnt. Die Kammer senkte den Gesamtschaden auf nur noch 640.000 Euro ab, abzüglich des letzten Audi SQ7. Dieser Wagen konnte als einziger im Stück seinem Besitzer zurückgegeben werden. Ein anderes Opfer erhielt lediglich die Hundebox zurück, die auf dem Resthof im ehemaligen Schweinestall neben unzähligen anderen Autoteilen lagerte.

Die Einziehung von 498.100 Euro bei den beiden Haupttätern wurde angeordnet.

Tomasz S. und Pawel K. waren für die deutsche Justiz bisher unbeschriebene Blätter. Sylwester S. hat vier teils einschlägige, aber Jahre zurückliegende Vorstrafen. Alle drei beteuerten, künftig ein „anständiges Leben“ führen zu wollen.

Auch die beiden Haupttäter zeigten sich von den sechs Monaten Untersuchungshaft schwer beeindruckt, wollten zurück zu ihren Familien. Das ist nach der Aufhebung der Haftbefehle zunächst möglich. Später müssen sie ihre Freiheitsstrafen dann absitzen.

Von Joachim Zießler